Die Schilddrüse befindet sich unterhalb des Kehlkopfes in der Form eines Schmetterlings. | Bild: Fabienne Fischer

Gesundheit&Geist Hashimoto-Thyreoiditis
Die unbekannte Volkskrankheit

Die Schilddrüse befindet sich unterhalb des Kehlkopfes in der Form eines Schmetterlings. | Bild: Fabienne Fischer

23 Jun 2020

Was passiert, wenn der eigene Körper verrücktspielt, aber kein Arzt die Ursache dafür findet? Sabine berichtet über ihre jahrelange Suche nach einer Diagnose. Eine Geschichte über Verzweiflung, Fehldiagnosen und eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Fabienne Fischer

Medienwirtschaft
seit Wintersemester 2017

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Sabine ist 35 Jahre alt, sie arbeitet seit 19 Jahren in einem kleinen Reisebüro. Damit hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Seit reist seit vielen Jahren leidenschaftlich gerne in ferne Länder und lernt neue Kulturen kennen. Freunde und Bekannte beschreiben sie als lebenslustigen und optimistischen Menschen. Nach ihrer Scheidung zieht sie zusammen mit ihrer damals dreijährigen Tochter zurück in ihre Heimatstadt, in der sie aufgewachsen ist. Sabine ist glücklich mit ihrem neuen Leben, bis sie plötzlich die ersten Symptome bemerkt.

„Ich fühlte mich ständig müde und erschöpft, jede kleinste Anstrengung war zu viel für mich.“ – Sabine

Schlagartig verschlechtert sich ihr Zustand. Sabine ist kaum noch unterwegs, zieht sich immer mehr zurück. Plötzliche Müdigkeitsanfälle und ein Gefühl der Antriebslosigkeit gehören mittlerweile zu ihrem Alltag. Doch kein Bluttest, keine Untersuchung liefert ein eindeutiges Ergebnis. Als ihr Arzt von ihrer privaten Situation als alleinerziehende Mutter erfährt, ist für ihn die Diagnose klar: „Sie haben eine Depression!“

Sabine erinnert sich noch ganz genau an diesen Tag: „Ich war wütend und aufgelöst. Gleichzeitig fühlte ich mich hilflos, weil ich wusste, dass meine Psyche vollkommen in Ordnung war.“ Dennoch befolgt sie den Rat ihres Arztes. Sabine ruht sich aus und nimmt sich viel Zeit für sich. Sie hofft, dass ihre Symptome bald verschwinden würden.

Die Suche beginnt

Ein weiteres Jahr vergeht. Die Symptome verbessern sich nicht, im Gegenteil: Neben Muskelverspannungen, Haarausfall und brüchigen Nägeln, kommen nun auch Konzentrationsschwierigkeiten hinzu. Sabine fällt es bei der Arbeit schwer, sich an Namen zu erinnern. Oft verliert sie mitten im Gespräch den Faden. Ein Blick auf die Waage zeigt zudem eine unkontrollierbare Gewichtszunahme. Sabine fühlt sich hilflos. Sie erzählt mir, dass sie öfters nachts nicht schlafen kann. „Das Schlimmste daran war, dass keiner verstehen wollte, wie ich mich fühlte."  Bei einer Routineuntersuchung ihrer Gynäkologin folgt endlich ein Lichtblick. Sabine zeigt mir auf einem Blatt Papier das Ergebnis ihres Bluttests. Über die Jahre hat sich ein großer Stapel an ärztlichen Befunden bei ihr angesammelt. Der Test zeigt deutlich, dass der TSH-Wert ihrer Schilddrüse außerhalb des Normalbereichs liegt. Dieser verrät, ob die Schilddrüse ausreichend Hormone produziert. Es stellt sich heraus, dass sie seit vielen Jahren an einer Schilddrüsenunterfunktion leidet. „Ich fühlte mich mit der Diagnose erleichtert, endlich gab es einen Anhaltspunkt. Ich war zuversichtlich, dass es mir nun bald besser gehen würde“, sagt sie. Doch sie ahnt noch nicht, dass sie sich erst am Anfang ihrer Suche nach der richtigen Diagnose befindet.

Quelle: www.forum-schilddruese.de | Bild: Eigene Darstellung: Fabienne Fischer

Achterbahnfahrt der Gefühle

Die regelmäßige Einnahme der Schilddrüsenhormone L-Thyroxin zeigen endlich Wirkung. Die Müdigkeitsanfälle nehmen ab. Sabine fühlt sich wieder wach, frischer und seit langer Zeit wieder lebendig in ihrem Körper. Die Tourismuskauffrau ist voller Tatendrang. Sie freut sich, dass ihr Leben wieder in geregelten Bahnen verläuft. Bis plötzlich der nächste Rückschlag folgt. Im Sommer 2013 erreicht sie einen weiteren Tiefpunkt. „Ich erinnere mich noch gut, es war der 25. Juli, der Geburtstag meiner Tochter.“

Übelkeit - Herzklopfen - Schweißausbrüche, gefolgt von einer Panikattacke. Wieder spielen ihre Hormone verrückt. Dieses Mal fühlt es sich genau andersherum an. Sie sagt, es ist, als würde man Achterbahn fahren, ohne aussteigen zu können. Der Grund dafür: Ihre Schilddrüse ist in eine Überfunktion gerutscht. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion sind die Schilddrüsenhormone im Blut erhöht. Dabei werden zu große Mengen der Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) im Körper produziert. Für Sabine folgen weitere Besuche bei ihrem Hausarzt und Internisten. Sie finden heraus, dass die falsche Dosierung der Medikamente die Ursache dafür ist.

Auf der Zielgeraden

Es vergehen weitere Jahre - ohne eine Diagnose. Sabines Gefühlswelt gleicht einer Berg- und Talfahrt. „Ich wusste, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich wollte die Kontrolle über meinen Körper zurück.“ Sie beschließt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Bei ihrer Suche nach dem Auslöser für ihre Beschwerden stößt sie auf einen Artikel, der über die Autoimmunkrankheit Hashimoto berichtet. „Ich konnte es kaum glauben, alle Symptome trafen auf mich zu“, erzählt sie euphorisch. Und tatsächlich: Eine weitere Blutabnahme beweist, dass Sabine Recht behält. Ein eindeutige Diagnose - nach acht Jahren.

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Quelle: www.hashimoto-thyreoiditis.de | Bild: Eigene Darstellung: Fabienne Fischer

Sabine zeigt mir eine kleine Dose, die auf ihrem Nachttisch liegt. Darin sind viele Tabletten in unterschiedlichen Farben zu sehen. Um die Krankheit in den Griff zu bekommen, ist die tägliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Selen, Zink oder Vitamin D sehr wichtig. Sabine spürt, wie es ihrem Körper von Tag zu Tag besser geht. „Ich war schon immer ein sehr optimistischer Mensch“, antwortet sie auf die Frage, wie sie sich selbst beschreiben würde. „Ich lasse mich nicht so schnell unterkriegen. Ich glaube, das hat mich letztendlich zur richtigen Diagnose gebracht.“

Heute ist Sabine 55 Jahre alt. Ihre Schilddrüse wurde von ihrem Immunsystem inzwischen vollkommen zerstört. Mit ihrer Krankheit kann sie, trotz kleineren Einschränkungen, sehr gut leben. Sie achtet auf ihre Ernährung und verzichtet bewusst auf Lebensmittel, die ihr nicht guttun. Es ist wichtig, sich Ruhepausen zu gönnen und andauernden Stress zu vermeiden. Dazu gehöre zum Beispiel auch genügend Schlaf. 

Am Ende unseres Gesprächs wirkt Sabine glücklich und gelassen. „Ich bin sehr froh, am Ziel der langen Reise angekommen zu sein“, sagt sie zufrieden und lächelt.