Jeden ersten Freitag im Monat nehmen Stuttgarts Radfahrer mehrspurige Straßen ein. | Bild: Simone Reeck

edit.Puls Mobilität
Da kommt was ins Rollen

Jeden ersten Freitag im Monat nehmen Stuttgarts Radfahrer mehrspurige Straßen ein. | Bild: Simone Reeck

09 Dec 2017

Benztown als Fahrradstadt? Schwer vorstellbar. Aber es gibt eine Bewegung, die fürs Radfahren einsteht und nicht mehr zu übersehen ist. Einmal im Monat rollt die Critical Mass durch den Kessel. Dadurch zeigen hunderte Fahrradfahrer, dass Stuttgart nicht für immer Autostadt bleiben muss.

Freitag, 1. Dezember, 18 Uhr. Der Kessel brummt. Die Straßen sind dicht. Während sich die Autofahrer im Schneckentempo durch den Feierabendverkehr quälen, ist Stuttgarts Fahrradszene schon in Feierabend-Laune. Am Feuersee trudeln auf Mountainbikes, klapprigen Damenrädern und Rennrädern immer mehr Menschen ein. 18.25 Uhr. Im Lichtermeer aus Fahrradleuchten tönt aus Boxen von Gepäckträgern Musik. Alle Radler sind startklar. 18.30 Uhr. Wildes Geklingel. Dann setzt sich die Fahrradmasse langsam in Bewegung.

Fahrradfahrer gehen im Verkehrsgeschehen der Großstädte oft unter. Was aber, wenn sich hunderte, tausende Radfahrer in einer Stadt zusammentun und sich so ihren Platz im Straßenverkehr zurückerobern? Genau das passiert bei einer Critical Mass: Fahrradfahrer treffen sich zu Massen-Radtouren und radeln gemütlich durch die Stadt. „Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr“, ist ihr Motto. Was sie tun ist legal. Wenn mehr als 15 Leute mitfahren, bilden die Radfahrer laut Straßenverkehrsordnung nämlich einen geschlossenen Verband, der sich auf der Straße fortbewegen darf. Die Critical Mass kommt aus San Francisco, ist im Ursprung anonym und nicht organisiert.

Selbst der Winter kann sie nicht aufhalten: Im November waren 843 Radfahrer in Stuttgart dabei. | Bild: Simone Reeck

Seit sieben Jahren schwingen sich auch die Stuttgarter Radler immer am ersten Freitag im Monat auf die Fahrräder. Ihr Ziel: Ein Ausrufezeichen setzen, werben fürs Fahrradfahren, sich sichtbar machen. Neben Berlin, Hamburg und Köln gehört Stuttgart mit monatlich rund 1000 Fahrradfahrern zu den größten Critical-Mass-Bewegungen Deutschlands. Hauptproblem in Stuttgart ist, dass sich viele Radfahrer auf den Straßen unsicher fühlen. Der Grund: Radwege sind schlecht vernetzt, oft nur schmale Streifen oder gar nicht vorhanden. Außerdem hat das Auto nach wie vor einen hohen Stellenwert in den Köpfen. 

„Eine fette Autostraße voll mit Radfahrern“

Ein Bild, das Alban Manz, Mit-Initiator und Wegbereiter der Critical Mass in Stuttgart, auch hier sehen wollte. „Das war mein ganz persönlicher Traum, dass da wirklich mal so eine Radfahrwelle durch Stuttgart schwappt“, erklärt der 43-Jährige. Als er 2011 jedoch bei den ersten Critical-Mass-Terminen war, musste er feststellen, dass davon noch lange nicht die Rede sein konnte. Mit unzähligen Flyern, Aufklebern und viel Mundpropaganda pushte und streute er die Bewegung „guerilla-mäßig“ durch den Kessel. Solange bis im Sommer 2014 der richtige Boom mit 300 Mitfahrern kam. „Die 1000 haben wir tatsächlich erst dieses Jahr geknackt, aber ich geh’ mal davon aus, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist“, sagt er.

Ein Auto besitzt Alban gar nicht, sein Fahrrad hat er dafür immer dabei. Das verleiht ihm Reichweite und Unabhängigkeit. | Bild: Simone Reeck
„Es ist nicht so, dass man mit erhobener Faust rumfährt und etwas fordert.“ – Alban Manz, Mit-Initiator der Critical Mass in Stuttgart

Die Stuttgarter Critical Mass sei fast schon eine Attraktion, weil die Demo so groß ist. Um mitzufahren kommen deshalb sogar Leute vom Bodensee oder aus München. Auseinandersetzungen mit Autofahrern sind selten. „Richtig aggro ist vielleicht einer von hundert. Die Geduld der Autofahrer ist manchmal fast schon erstaunlich“, lacht Alban. Genervte Autofahrer werden an die Polizei verwiesen, die die Massen-Radtouren absichert. Unter den Radfahrern ist alles cool, die Leute seien extrem freundlich zueinander. „Man fährt für eine gemeinsame Sache. Das verbindet ungemein, wenn man im gleichen Tempo die Straße in Beschlag nimmt“, schwärmt er. 

Die Critical Mass hat die Stuttgarter Fahrradszene verändert. Andere Projekte und Bewegungen haben sich anstecken lassen oder sind parallel entstanden. Die Bewegung sei ein guter Nährboden für Initiativen. Von konkretem Einfluss auf Radverkehr oder Verwaltungsentscheidungen geht Alban jedoch nicht aus. „Trotzdem hoffe ich immer, dass die Leute, die sich für den Radverkehr einsetzen, den Mumm oder einfach die Idee haben, sich auf die Critical Mass zu berufen“, sagt er. 

„Die Critical Mass ist eine sehr wichtige Bewegung von vielen engagierten Fahrradfahrern, die zeigen: Es gibt uns auch in Stuttgart.“ – Claus Köhnlein, Fahrradbeauftragter der Stadt Stuttgart

Claus Köhnlein, Fahrradbeauftrager der Stadt, ist selbst schon bei der Critical Mass mitgefahren und jeden Tag auf dem Fahrrad unterwegs. Die Hürden der Radfahrer sind ihm bewusst und er findet es wichtig, dass sie sich engagieren. „Sie fordern eben, dass die Förderung schneller gehen sollte“, sagt er. Das umzusetzen sei nur nicht immer so einfach. Langfristiges Ziel der Stadt ist es den Radverkehrsanteil von aktuell sechs Prozent auf 20 Prozent zu erhöhen. „Das ist eine große Herausforderung, aber wir sind dran das mit den Personalmitteln, den Haushaltsmitteln und den uns zur Verfügung gestellten Geldern herzustellen.“ 

Jan (69) fährt schon immer Fahrrad. Gerne auch mal 13 Kilometer zu seinem Garten nach Fellbach. Seine Beweggründe: Für die Umwelt und die Gesundheit. | Bild: Simone Reeck
Spaß und frische Luft: Deshalb fährt Mathilda (25) in Stuttgart Fahrrad. Sie ist noch am Testen, weil sie erst vor Kurzem hergezogen ist. Noch fühlt sie sich nicht sicher auf der Straße. | Bild: Simone Reeck
400 bis 500 Kilometer pro Woche legt Jürgen (52) als Fahrradkurier zurück. Über vieles ärgert er sich, manches habe sich aber gebessert: An der früher vierspurigen Löwensteinstraße gibt es jetzt einen Fahrradstreifen. | Bild: Simone Reeck
Erika (72) ist ganz auf’s E-Bike umgestiegen, seit sie Rentnerin ist. Die Hügel sind damit kein Problem. Sie fühlt sich sicher auf den Straßen. „Wenn man Angst hat, funktioniert es nicht.“ Fährt sie doch mal Auto, nutzt sie Carsharing. | Bild: Simone Reeck
„Ich fahre gerne im Verkehr mit den Autos“, sagt Tobias (32). Seine Idealvorstellung: Fahrradwege sind nicht mehr nötig, weil Auto- und Radverkehr so gut aufeinander abgestimmt sind. | Bild: Simone Reeck

Es tut sich was: Immer mehr Stuttgarter entscheiden sich für das Fahrrad. Und Radfahrer bedeuten mehr Lebensqualität – klingt ganz einfach und bringt allen was. „Mit noch mehr Radverkehr hätten wir bessere Luft, weniger Lärm, mehr Gesundheit, mehr Freude – eine schönere Stadt“, sagt Alban. Auf dem Rad erlebe man die Stadt ganz anders. „Man ist ganz nah dran, man hat nichts zwischen sich und der Umgebung, das Rad ist das perfekte Werkzeug um sich durch die Stadt zu bewegen.“