Die Alibiagentur hilft Personen professionell beim Lügen – in jeder Lebenslage. | Bild: Tamara Wörner

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Alibi to go!

Die Alibiagentur hilft Personen professionell beim Lügen – in jeder Lebenslage. | Bild: Tamara Wörner

24 Jan 2019

Jeder Mensch lügt mehrmals am Tag – ja, sogar mehrmals in einer Unterhaltung. Das belegt Psychologe Robert S. Feldman von der University of Massachusetts mit seinen Untersuchungen. Doch was ist, wenn man eine große Lüge oder eher ein waschechtes Alibi braucht? Die Alibiagentur hilft in fast jeder Situation mit ihren Services – vom Fremdgehen über Heiratsanträgen bis hin zum Doppelleben. Wir sprechen mit Medienpsychologe Prof. Dr. Roland Mangold: Ist das noch moralisch vertretbar?

Im Telefongespräch ist Martins* Stimme locker, fast entspannt: Das überrascht uns. Schon drei Mal hat er die Dienste der Agentur genutzt und wird es auch weiterhin tun. Das sei „schon in Ordnung“, merkt er an, er sei ein ganz normaler Typ Mensch – sogar ein ehrlicher. Wissen soll von diesen Deals aber trotzdem keiner.

Menschen wie Martin Freiheiten verschaffen: das war das Ziel von Stefan Eiben, der 1999 die erste Alibiagentur weltweit gründete. Eine Agentur, die sich um die individuelle Lage ihrer Kunden kümmert und sie deckt, wenn es nötig ist. Hierzu dienen z. B. Fake-Urlaub sowie abgesprochene Telefonate, falsche Facebook-Freunde oder Hotel- und Urlaubsbuchungen.

Fake Postkarten:
Der Urlaubsservice der Alibiagentur macht es den Kunden möglich, von überall auf der Welt Postkarten mit eigener Handschrift aus dem Ausland zu verschicken.

Briefkasten mieten:
Die Kunden können über die Alibiagentur private Briefkastenadressen im Ausland mieten. Dies gilt für 300 Briefkastenadressen weltweit.

Social Media Fake:
Die Alibiagentur erstellt Social-Media-Kanäle und sorgt unter anderem für Facebook-Freunde, ein/e feste/r Freund/in sowie positive Kommentare.

Permanentes Alibi:
Die Alibiagentur versorgt ihre Kunden mit Fake-Jobs inklusive benötigter Materialien wie z. B. Visitenkarten und Flyer.
 

Weitere Infos sind auf der Homepage der Alibiagentur  einsehbar.

Auch aufwendigere Services bietet die Agentur für den gewissen Preis, so z. B. das Organisieren eines Doppellebens oder das Mieten von Schauspielern für die jeweilige Situation. Die Agentur kann auch Beziehung beenden à la Matthias Schweighöfers ‚Schlussmacher‘ – ganz nach den Vorgaben des Kunden natürlich.

Fakten zur Alibiagentur | Bild: Tamara Wörner

Martin braucht diese Alibis, um sich mit anderen Frauen zu vergnügen, während seine Ehefrau nichts davon ahnt. Er ist zufällig durch einen Fernsehbericht auf die Alibiagentur gestoßen. Erst sollte es eine gefakte Weiterbildung sein, anschließend eine angebliche Seminareinladung und dann sogar ein vermeintlicher Aufenthalt im Ausland. „Bedenken hatte ich am Anfang schon, jedoch ist zum Glück alles problemlos und schnell abgelaufen“, erzählt uns Martin. Ob die Gefahr bestand, dass die Lügen auffliegen? Keinesfalls.

Umso verwunderlicher ist es, dass der Alibiagentur-Gründer Eiben sich selbst als ‚schlechten Lügner‘ bezeichnet. Sein Umfeld würde Schwindel seinerseits direkt erkennen. Bei der Agentur werde den Kunden das Lügen aber von den Mitarbeitern abgenommen. Diese bestehen hauptsächlich aus Schauspielern, die an verschiedenen Standorten arbeiten. Der Hauptstandort der Agentur befindet sich in Bremen. Aber auch Österreicher, Schweizer und Spanier nutzen die Agentur-Angebote. Eiben schätzt an diesem ungewöhnlichen Job vor allem die Dankbarkeit der Kunden nach Bearbeitung des jeweiligen Falls.

Alibigründer Stefan Eiben Der Gründer und Geschäftsführer der Alibiagentur: Stefan Eiben | Bild: Privat

Auch Martin ist Eiben dankbar. Als Grund für seine Seitensprünge nennt er „unterschiedliche Vorstellungen“ in seiner Ehe. Die Lügen dienten dazu, seine Zeit „privat“ zu nutzen, wie er es beschreibt. Nach dieser gehe er problemlos in seinen normalen Alltag über.

Wie Martin scheint auch Eiben keine Gewissensbisse zu haben: „Ich kann meinen Beruf hervorragend mit meinem Gewissen vereinbaren“, bestätigt er uns. Lügen sei ihm zufolge etwas vollkommen wertneutrales, im Leben schlichtweg notwendig und in unserer heutigen Gesellschaft völlig normal. Außerdem nutze er die Lüge nicht dazu, Menschen zu schaden, sondern diesen Freiheiten zu verschaffen. Das wirft bei uns die Frage auf: Was ist ‚Lügen‘ eigentlich genau?

Medienpsychologe Mangold unterscheidet beim Begriff Lüge zwischen ‚Lügen‘, bei dem die Realität absichtlich unzutreffend beschrieben wird, und die ‚Unwahrheit sagen‘, zu dem auch Unwissentliches gehört. Lügen beschreibt er außerdem als etwas, das jeder im Leben oft tue. Dabei sei jedoch eine Unterscheidung zwischen dem Ausmaß des Lügens vorzunehmen: So könne man kräftig lügen und sich dabei z. B. um eine andere Identität bemühen oder eine kleine Notlüge aussprechen. Alle Lügen dienten jedoch dem eigenen Vorteil und hätten häufig die Funktion, die eigene Person besser darzustellen.

„Die Aussage ‚Ich habe nie gelogen‘ können Sie gleich vergessen, die ist gelogen.“ – Prof. Dr. Roland Mangold

Mangold fasst den Unterschied zwischen Lüge und Manipulation folgendermaßen zusammen: „Lügen ist ein kommunikativer Akt und Manipulation, etwas, womit Fakten verändert und Menschen beeinflusst werden. Manipulation reicht von einem Therapiebesuch bis hin zur Werbung und geschieht somit alltäglich.“ Die Angebote der Alibiagentur sieht er als negative Manipulation an, da Menschen neue Identitäten verschafft und Lügen im großen Stil aufgebaut werden. Es wird eine fiktive Welt erzeugt und vorgegeben, dass diese wirklich existiert. Dieses Verhalten verurteilt Mangold: „Das ist zweifellos moralisch verwerflich!“ Der Aussage von Eiben, dass Lügen etwas Neutrales sei, kann er daher nur vehement widersprechen.

Diplom-Psychologin Petra Müllerhorn* spricht im Zusammenhang mit der Agentur sogar von einer ‚extremen‘ Manipulation, bei der Menschen rein zum Eigennutz hinters Licht geführt werden. Aus rechtlicher Sicht kann Eibens Agentur sowie Geschäftsmodell jedoch erstmal nichts vorgeworfen werden. Auch ist die Moral nicht einklagbar. Dass Menschen moralische Fragen unterschiedlich bewerten oder beantworten, wird uns auch im Gespräch mit Medienpsychologe Mangold deutlich, den das Thema sehr bewegt.

Mangold erkennt eine gesellschaftliche Tendenz hin zum Egoismus. Er kritisiert die starke Ich-Bezogenheit und die steigende Bereitschaft der Gesellschaft, für den eigenen Vorteil zu lügen. Diese Entwicklung hält er für gefährlich, da folglich ehrliche Menschen auf der Strecke bleiben. Interessant in diesem Zusammenhang scheint die Tatsache, dass Martin bereits heute nur einer von vielen Kunden der Agentur ist: Sie genießt einen hohen Andrang. Der absolute Stammkunde der Alibiagentur nutzt diese bereits seit 17 Jahren und hat sich inzwischen ein echtes Doppelleben aufgebaut.

„Die Tendenz geht dahin, sich selbst besser darzustellen - gerade auch mit Social Media". – Prof. Dr. Roland Mangold

Hass-Kommentare, Fake-News und retuschierte Bilder: In einer Scheinwelt, die auf Lügen und Unwahrheit beruht, möchte Mangold nach eigener Aussage nicht leben. Umso mehr freut es ihn, dass es seiner Erfahrung zufolge vor allem in der jungen Generation Gegenbewegungen gibt, die sich von Facebook und anderen sozialen Medien aufgrund dieser Entwicklung abmelden, die sich mit dem Thema Moral beschäftigen und das Lügen neu und kritisch hinterfragen.

 

*Namen von der Redaktion geändert