MEINUNG
Jeden Tag stehe ich vor der Qual der Wahl: Bin ich "Team Active" oder "Team Lazy"? (Symboldbild) | Bild: Florian Kunz

Blickwinkel Gedankendusche
Active oder Lazy: Du entscheidest, oder nicht?

Jeden Tag stehe ich vor der Qual der Wahl: Bin ich "Team Active" oder "Team Lazy"? (Symboldbild) | Bild: Florian Kunz

01 Nov 2020

Wasser marsch, Welt aus und Gedanken an. Kaum stehe ich unter der Dusche, fließt nicht nur das Wasser, sondern auch meine Gedanken. Ich philosophiere, dramatisiere – dieses Mal über die Bedeutung von Bananenbrot und dem Selbstoptimierungszwang – und das alles unter zehn Minuten.

Anna Tschürtz

Crossmedia Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftKulturPolitik

Zum Autorenprofil

Ich stehe unter der Dusche und bin gerade dabei mir die Beine einzuseifen. Das Duschgel schon in der Hand muss ich an den heutigen Instagram-Post von Pamela Reif denken. Warum hab ich eigentlich nicht so durchtrainierte Beine und einen knackigen Hintern? Inzwischen mach auch ich regelmäßig Sport und schwitze mir vor dem Laptop einen ab. Da müsste ich doch mittlerweile genauso aussehen, oder?

Gerade in Zeiten von Corona, sehe ich auf den sozialen Medien, wie sich Menschen ständig neu herausfordern und optimieren. Die eine Influencerin lernt Kopfstand, die andere Spagat oder sticken. Bananenbrot backen ist total im Trend und wer da nicht mitrührt, war nicht in Quarantäne. Auch, wenn die Fitnessstudios geschlossen haben, gibt es keine Ausreden! Manche Fitness-YouTuber*innen erstellen jede Woche einen neuen Workoutplan und zwingen einen durch Abstimmungen in Instagram-Stories wie „Team Active“ oder „Team Lazy“ schon fast dazu den „booty in shape“ zu bringen. 

Ich merke das auch bei mir selbst. Wie ich jeden Tag auf den „Team Active“ Button drücken möchte. Normalerweise kann ich diesem unterbewussten Zwang gut widerstehen. Ich hab so schon genug zu tun. Aber kann ich das ignorieren, wenn die Zeit stehen bleibt? Wenn ganz Deutschland in seinen vier Wänden sitzt und ich nicht flüchten kann vor einer Welt, die eigentlich nur in meinem Kopf existiert? Ich strebe Perfektion und maximale Leistung an, denn das ist das, was mir im Internet vermittelt wird. Da hält sich momentan wahrscheinlich jede*r mehr auf, als einem lieb ist. Besonders, wenn gefühlt die ganze Welt zu Hause festsitzt und das Einzige, was man von anderen mitbekommt, auf Social Media herumschwirrt. 

Dieser stetige Selbstoptimierungszwang, der mir vermittelt wird, treibt mich in den Wahnsinn, immer besser sein zu müssen als am Tag zuvor. Und natürlich immer besser als die Anderen. Ich wünschte ich könnte diesen Gedanken so einfach wegspülen wie das Duschgel von meinem Körper gerade. Mit diesen Bedenken bin ich allerdings nicht allein. Selbstanspruch ist, laut einer Studie der Techniker Krankenkasse von 2016, der mit am häufigsten verursachte Stress. 2020 ist das bestimmt noch viel schlimmer. Aber mich wundert das nicht, weil das mittlerweile eine fester Teil unserer Gesellschaft geworden ist. Mich wundert es auch nicht, dass ich den schmalen Grat zwischen Realität und Internet verfehle. Denn alles, was wir konsumieren, scheint perfekt, makellos. Jede*r möchte (natürlich) nur in seinem besten Licht dastehen. Niemand gibt gern Fehler zu. Warum auch. Es macht uns verletzlich und menschlich. Und wer möchte das schon sein? 

Einen weiteren Teil der Kolumne "Gedankendusche" findest Du hier.