Nicht nur der Wecker hält vom Schlafen ab. | Bild: Marie Messmer

edit.Puls Schlafstörungen
Wenn Schlafen zum Alptraum wird

Nicht nur der Wecker hält vom Schlafen ab. | Bild: Marie Messmer

30 Jan 2018

Beinahe die Hälfte aller Deutschen schläft schlecht. Stadtbewohner sollten die Auswirkungen von Lärm, Stress und Schichtarbeit auf den Schlaf nicht unterschätzen. Wie fühlt es sich an, wenn einen der Puls der Stadt bis ins Schlafzimmer verfolgt? Drei Betroffene berichten.

Wir können uns nicht konzentrieren, fühlen uns energielos und erbringen nicht die gewünschte Leistung. Häufig folgt daraufhin die Diagnose „Burn-out“ oder „Depressionen“. Was viele Betroffene jedoch nicht wissen: Ihrem Leiden liegt eigentlich eine Schlafstörung zugrunde. Schlafmediziner Dr. Alexander Baisch behandelt Patienten, die nur noch einen Wunsch haben: endlich wieder durchschlafen. Baisch kennt die Ursachen der Schlafstörungen und weiß, wie wir erholsam schlafen können.

Alex Fluck wird vom Schichtdienst wachgehalten. Er arbeitet seit mehr als drei Jahren als Pfleger in einem Krankenhaus in Stuttgart. Zu seinem Dienstplan zählen auch zwei bis drei aufeinanderfolgende Nachtschichten pro Monat. Nach diesen findet Alex nur sehr schlecht in den Schlaf. Drei Tage dauert es, bis sich sein Körper von den Nachtschichten erholt hat und er wieder in einen normalen Rhythmus findet. Der Schlafmangel macht sich bei den Pflegern durch starke Konzentrationsstörungen bemerkbar. Es kann durchaus vorkommen, dass Fehler gemacht werden. Bei manchen Pflegern entsteht solch ein psychischer Druck, dass sie sich vom Nachtdienst befreien lassen müssen.

„Diese Schlafstörung entsteht durch das Tageslicht. Das Schlafhormon Melatonin wird durch Hell und Dunkel gesteuert. Legt man sich nach der Nachtschicht in sein Bett und es ist hell draußen, ist der Körper verwirrt“, erklärt Baisch. Laut der inneren Uhr wäre es Zeit aufzustehen, doch der Körper ist müde und schreit nach Schlaf. Das Auf und Ab des Hormons bringt den Körper durcheinander, er verliert das Zeitgefühl und seinen natürlichen Rhythmus. Baisch rät: „Ist die Schichtarbeit eindeutig die Ursache für die Schlafstörung, dann rate ich den Betroffenen dringend, es sein zu lassen. Es bringt wenig ein Medikament zu verschreiben, wenn der Patient sein Verhalten nicht ändert."

Auch Shehed Al-Lamy kann nicht schlafen. Ihr WG-Zimmer liegt direkt an einer Hauptstraße. Wenn sie abends im Bett liegt, hört sie nicht nur den Lärm der Autos, sie hat noch ein größeres Problem: „Mein Bett vibriert jedes Mal, wenn die Straßenbahn an meinem Fenster vorbeifährt.“ Bis 1.30 Uhr muss Shehed das aushalten, erst dann fährt die letzte Bahn an ihrem Haus vorbei. „Es ist die ganze Zeit extrem laut und ich liege meist noch anderthalb Stunden wach, bis ich einschlafen kann.“ Um das Problem anzugehen, hat sie schon vieles versucht, seien es Kopfhörer oder Hypnosemusik, nichts zeigte die erhoffte Wirkung.

Mittlerweile hat sich Shehed etwas an den Lärm gewöhnt. Als sie vor anderthalb Jahren aus dem Allgäu nach Stuttgart zog, machte sie die Nächte gezwungenermaßen durch. Baisch erklärt: „Wenn man lange Zeit auf dem Land gelebt hat und dann in die Stadt zieht, wird man am Anfang den Lärm stark hören, aber irgendwann lässt das nach. Es ist eine Leistung des Gehirns, während dem Schlaf Geräusche auszublenden und in den Hintergrund zu treiben.“ Auch wenn Shehed endlich besser schlafen kann, fühlt sie sich am nächsten Tag müde und energielos. Der Grund: Ihr Körper kann den Lärm nicht vollständig isolieren. „Man kann schlafen und trotzdem vom Lärm gestresst sein. Das Ohr hört auch in der Nacht, man nimmt die Geräusche nur anders wahr", so Baisch.

Bei dem Lärm der Stadt hilft es auch nicht, sich die Decke über den Kopf zu ziehen. | Bild: Marie Messmer

Matthew Scott ist dreifacher Vater und arbeitet in einem Finanzunternehmen. Steht seiner Firma ein großer Deal bevor, liegt Matthews Fokus auf einer erfolgreichen Abwicklung. Wochenlang arbeitet er dann Tag und Nacht. An Ausruhen ist nicht zu denken, schließlich will er auch Zeit mit seiner Familie verbringen. Nach einigen Tagen fordert der Schlafentzug dann seinen Tribut: ständig Kopfschmerzen, das Herz rast, sein Gesicht sieht einige Jahre älter aus. Sobald dann Monotonie herrscht, schläft er ein.

„Das ist ein Fall von negativem Stress. Der Betroffene nimmt den Stress mit in den Schlaf“, erläutert Baisch. Stress ist für viele ein täglicher Begleiter. Sich dem Leistungsdruck zu entziehen scheint in der heutigen Gesellschaft unmöglich. Verarbeiten die Betroffenen den Stress nicht vor dem Schlafen gehen, dann stellt sich der ersehnte Schlaf stundenlang nicht ein. „Meist wissen die Patienten, was der Auslöser für ihren Stress ist. Falls nicht, hilft es ein Schlaftagebuch zu führen. Ist der Grund für den Stress bekannt, dann muss er einfach reduziert werden. Auch Entspannungsübungen helfen, um besser einschlafen zu können.“

  „Der Mensch ist nur lebensfähig, wenn er schläft.“ – Dr. med. Alexander Baisch

Es gibt die Traumphasen während des Schlafs, in denen unser Gehirn die Erlebnisse des Tages verarbeitet.  In den Phasen, in denen wir nicht träumen, erholt sich unser Körper.  Wie der ideale Schlaf und eine ausreichende Schlafdauer aussieht, kann nicht allgemein definiert werden. Baisch sagt dazu: „Kann man am nächsten Morgen sagen, dass man eine erholsame Nacht hatte, dann ist das für mich der ideale Schlaf. Wie der abendliche Ablauf am besten zu gestalten ist, muss jeder für sich herausfinden.“ Damit das gelingt, hat Baisch noch einige Tipps.

  Besser schlafen - Tipps vom Schlafmediziner
Schlafhygiene einhalten: Unter Schlafhygiene fasst man all das zusammen, was hilfreich für eine gute Nachtruhe ist. Diese fängt bei einer guten Matratze und einem gut gelüfteten Raum an.  
Handy weg: Schaut man vor dem Schlafengehen noch auf den Bildschirm, hat das Auswirkungen auf die Schlafqualität: Man findet schwerer in den Schlaf und schläft schlechter durch.
Bett als Ruheort: Im Bett sollte nichts anderes gemacht werden als schlafen. Büroarbeiten, fernsehen, essen usw. sollte nicht im Bett gemacht werden.
Kein Sport am Abend: Nach dem Sport ist der Körper gepusht und braucht dann länger, um in den Schlaf zu finden.
Kein Alkohol am Abend: Während des Schlafs kommt der Körper in den Alkoholentzug. Die Folge: Man schläft in der zweiten Nachthälfte schlechter.
Kein Essen zu später Stunde: Baisch empfiehlt, am frühen Abend nur noch eine Kleinigkeit zu essen, sonst ist der Körper mit dem Verdauen beschäftigt und kommt nicht zur Ruhe.
Entspannungsübungen: Bei Yoga beispielsweise hört man in seinen Körper hinein und konzentriert sich auf die Übungen. Dies lenkt vom Stress ab.
Schlaftagebuch führen: Um die Quelle von seinen Schlafproblemen zu erkennen, hilft es seine Aktivitäten aufzuschreiben und zu reflektieren, wann und warum man schlecht geschlafen hat.
Auf erholsame Nächte! | Bild: Marie Messmer