Ein Hochhaus in der Brandenburger Straße trägt das Gesicht von „Véra“. | Bild: Lea Maria Pomocnik

edit.Puls Streetart
Wenn Häuser zur Leinwand werden

Ein Hochhaus in der Brandenburger Straße trägt das Gesicht von „Véra“. | Bild: Lea Maria Pomocnik

09 Dec 2017

In Mannheim gibt es Kunst 24/7 zu sehen. Bemalte Hausfassaden an verschiedenen Orten der Stadt bilden eine öffentliche Galerie, die Streetart auf eine eigene Art und Weise zeigt. Trotz der Vielfalt der Motive haben alle Kunstwerke etwas gemeinsam.

Dein Blick schweift vom kleinen, viereckigen Fenster zum darübergelegenen Balkon. Entlang am weißen Hochhaus – mit dem flachen Dach, dazwischen schwarze und graue Linien. Beim 14. Stockwerk angekommen, schaust du über die Hauskante, blickst dann in den Himmel. Kurz hältst du inne und fragst dich: War das wirklich ein Mund, oder vielleicht sogar ein Auge? Es ist das Gesicht von „Véra“. Der Streetart- und Graffitikünstler Hendrik Beikirch sprayte sie an ein Hochhaus in Vogelstang, einem Stadtbezirk in Mannheim. Genauso wie zwölf andere Kunstwerke, die Murals genannt werden, gehört Véra zur Open Urban Art Gallery.

Eine Tasse Kaffee und dann geht's weiter. Bevor Hendrik Beikirch „Véra“ fertig sprüht, macht er eine kurze Pause. | Bild: Alexander Krziwanie www.Stadt.Wand.Kunst.de

 

„Wenn man die Seele eines Menschen im Portrait einfängt, ist schwarz-weiß die stimmigere Wahl. Man nimmt die ganze Farbigkeit heraus und bricht es auf die Essenz herunter“, erzählt Beikirch. Der Streetart-Künstler hat seinen Stil gefunden, seine Art sich auszudrücken. Er portraitiert Menschen in schwarz-weiß und malt diese nicht in seinem Atelier, sondern sprüht sie an riesige Hausfassaden auf der ganzen Welt. So wie auch Véra. Sie bildet weder einen typischen Mannheimer noch einen Hausbewohner ab. Ihr Portrait basiert auf einer Skizze, die Beikirch von einer Frau in Sibirien gemacht hat. „Ich finde es schöner, wenn man jemanden aus einem ganz anderen Kulturkreis portraitiert. Die Leute sollen sich nicht fragen, woher diese Person stammt, sondern wer sie ist“, meint Beikirch.

Die Hip-Hop- und Graffiti-Szene begeistert Sören Gerhold schon immer. | Bild: Lea Maria Pomocnik

Sören Gerhold ist Initiator von Stadt.Wand.Kunst und gleichzeitig Geschäftsführer der Alten Feuerwache, einem Ort für Literatur, Musik und Theater. Zusammen mit dem deutschen Künstler-Duo Herakut suchte Gerhold 2013 nach einer Wand für ihr Buchprojekt „Giant Storybook Project“. Diese hat das Team mit Hilfe der GBG Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft schnell gefunden. Montana Cans, ein Vertrieb für Farbdosen in Heidelberg, stellte auf Gerholds Anfrage dem Künstler-Duo die Farben. Nach wochenlanger Arbeit war das erste Mural in der Stadt fertig. Die Bewohner reagierten positiv, somit stand für Gerhold und sein Team fest: Das kann nicht das letzte Wandbild gewesen sein.

„The Modern Thinker“ von Aske aus Moskau. Vorlage für dieses Kunstwerk ist „Der Denker“ von Auguste Rodin 1882. | Bild: Lea Maria Pomocnik
„New Wave“ von den Low Bros aus Berlin. | Bild: Lea Maria Pomocnik
Das erste Mural von Herakut mit dem Namen „My Superhero Power is Forgiveness“. | Bild: Lea Maria Pomocnik
Das Mural von Bezt/Etam mit dem Namen „Europe“. | Bild: Lea Maria Pomocnik
Direkt gegenüber der Bahnhaltestelle Schafweide: Das Mural von Alexey Luka „Untitled“. Entstanden 2017. | Bild: Lea Maria Pomocnik
Dieses Haus ist ein ein ehemaliges Polizeirevier. Darauf zu sehen die „Freiheitstesterin“ von Mehrdad Zaeri. | Bild: Lea Maria Pomocnik

 

Mit einem Auge immer auf die weltweite Streetart-Szene gerichtet, bringt Stadt.Wand.Kunst die verschiedensten Künstler nach Mannheim – egal ob Newcomer, internationale Stars, aber auch Nachwuchskünstler. Sören beschreibt die verschiedenen Motive als „eine Mischung aus plakativen, abstrakten und sehr figürlichen Bildern“. Das Stadtbild zu verschönern ist nur eines der Ziele, das hinter Stadt.Wand.Kunst steckt. Vergessene Ecken werden durch die Kunstwerke wiederentdeckt, Farbe bringt mehr Leben in die Viertel. Die Künstler beziehen bei ihrer Malerei die Umwelt mit ein, wie zum Beispiel Aske Dmitri bei seinem Werk „The Modern Thinker“. Er hat Farben der unmittelbaren Umgebung aufgegriffen und sie im Bild verarbeitet. Die Planungen zu einem Mural gehen bereits Monate im Voraus los. Die Künstler beschäftigen sich intensiv mit dem Wohnraum und stimmen das Bild auf das Viertel ab – dann hat jedes Mural seinen richtigen Platz.

„Es geht uns darum, dass mit den Leuten, die vor den Häusern stehen, etwas passiert“ – Sören Gerhold, Initiator von Stadt.Wand.Kunst

Laufen Menschen an den Murals vorbei, bleiben sie vor den Häusern stehen und schauen sie an. Staunen, überraschte Blicke, hochgezogene Augenbrauen: Die Reaktionen sind verschieden. Christian Klein wohnte 23 Jahre in Mannheim. Einige Kunstwerke findet er toll, andere wiederum haben für ihn wenig Bedeutung. Grundsätzlich findet er aber, dass so ein Kunstwerk an jede Hauswand gehört. „Das macht einfach etwas her, Mannheim ist grau genug“, erzählt er. In der Innenstadt sorgt Stadt.Wand.Kunst für Gesprächsstoff. Zwischen jungen Studenten und älteren Ehepaaren hört man viel Positives wie „Das strahlt ein Gefühl von Freiheit aus“ oder „Endlich etwas Farbe“. Kunst ist für die Mannheimer im alltäglichen Leben ein stiller Begleiter geworden. Ganz anders als im Museum wird Kunst durch die Open Urban Art Gallery greifbar.

In den kommenden Monaten wird die öffentliche Galerie noch größer werden. Die großen roten Arbeitsbühnen werden wieder ausgefahren, die Farben gemischt und die Pinsel geschwungen. Wenn die Hausbewohner, wie bei Véra, dem Kunstwerk beim Größerwerden zusehen. Sie den Künstlern Kaffee und Wasser reichen, mit einem Lachen zum Fenster hinaus schauen und die Atmosphäre genießen.

Fotos der Murals und Künstler sowie News findet ihr auf den Social-Media-Kanälen von Stadt.Wand.Kunst:

Facebook                   Instagram                    Website