Das Café Poffers: ein beliebter Treffpunkt im Stuttgarter Osten | Bild: Victoria Winkler

edit.Puls Szeneviertel
Vom Geheimtipp zur „Latte Macchiatoisierung“

Das Café Poffers: ein beliebter Treffpunkt im Stuttgarter Osten | Bild: Victoria Winkler

31 Jan 2018

Im Stuttgarter Osten ist es rau und grau, dreckig und laut. Ist das tatsächlich so? Wir gehen der Frage auf den Grund, ob der Osten nicht sogar der neue Westen werden könnte und wie überhaupt ein neues Szeneviertel entsteht.

450 Euro für ein 12-Quadratmeter-Zimmer, Eigentumswohnungen fast unbezahlbar. Die meisten Wohnungssuchenden möchten in den Stuttgarter Westen oder Süden ziehen. Hier ist es hübsch, gemütlich und harmonisch. Das hat jedoch auch seine Schattenseiten: Man wohnt auf engstem Raum, denn der Stuttgarter Westen ist eines der am dichtesten besiedelten Wohnviertel Europas. Wer dort wohnen möchte, muss bereit sein, eine ganze Stange Geld zu zahlen. 
Wie kommt es überhaupt dazu, dass aus einem scheinbar unbeliebten Viertel ein neues Szeneviertel entsteht ? Was macht ein solches Szeneviertel aus und wer hält es am Leben? Antworten auf diese Fragen liefern Britta Hüttenhain, Lehrende am Städtebau-Institut mit Forschungstätigkeiten im Bereich der Stadt- und Innenstadtentwicklung sowie Hanna Noller, Mitgründerin des Vereins Stadtlücken. 

Um die Frage zu beantworten, ob der Stuttgarter Osten der neue beliebte Westen werden kann, blicken wir ein paar Jahre zurück. Ulrich Gohl, Vorsitzender des Museumsvereins muse-o, weiß über historische Plätze, aber auch ungenutzte Flächen, die in der Vergangenheit ausgedient haben, bestens Bescheid. In seinen Augen bringen diese großes Potenzial für die Zukunft des Viertels mit sich.

Der Stuttgarter Osten aus der Sicht des Experten Ulrich Gohl

Der Osten wird somit zwar nicht der neue Westen, schafft aber etwas ganz Neues und Eigenes. Die Historie und auch die geographische Lage machen einen Stadtteil einzigartig. Was genau sagen die Experten dazu?

Somit gibt es genügend Gründe, warum der Osten sicherlich nicht der neue Westen werden kann. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Der Westen wurde von der Masse mit Geld eingenommen hier treffen nicht unterschiedliche Bevölkerungsschichten aufeinander, stattdessen bleiben die hippen Westbewohner unter sich und schlürfen Latte Macchiato oder Spinat-Smoothies. Der Osten dagegen befindet sich in einer spannenden Umbruchphase, in der viele Orte noch vor der Entfaltung ihres ganzen Potentials stehen.

„Orte, die einen anregen und die Ungewöhnliches möglich machen.“ – Britta Hüttenhain

Ob die Stuttgarter bereits in ein paar Jahren abends am Neckar flanieren und das Rauschen der B10 schon lange vergessen haben, bleibt offen. Doch auch zum jetzigen Stand ist der Osten auf seine eigene Art besonders: ein Zusammenspiel aus Alt und Neu eine Diversität und Gegensätze, die nicht in jedem Stadtviertel zu finden sind.

Treffpunkt Kiosk: Die Urgesteine des Stuttgarter Ostens halten an Altbewährtem fest | Bild: Victoria Winkler
Roundhouse Burger verkauft frisches Fastfood an einem ehemaligen Kiosk am Stöckach | Bild: Mark Hendrik Hipp
An den brachliegenden Industrieflächen tut sich etwas | Bild: Victoria Winkler
Barbierskunst in Perfektion bei Jack the Ripper | Bild: Mark Hendrik Hipp
Die Kneipe „zum Scheibenwirt“ befindet sich in einem der ältesten Häuser am Ostendplatz | Bild: Victoria Winkler
Hochwertige Tabakwaren und Spirituosen gibt's bei „Mr. Obacht“ | Bild: Mark Hendrik Hipp

Aufgepasst, auch hier im Osten können die Mietpreise ganz schnell in die Höhe schießen: wann ist ein Szeneviertel eigentlich kein Szeneviertel mehr? Es ist eine Gratwanderung. Zum einen müssen neue Generationen nachziehen, um zu neuen Impulsen zu verhelfen, dennoch dürfen die Originale nicht verloren gehen. Es ist ein kontinuierlicher Wandel, doch sobald man einen H&M zwischen dem Einzelhandel entdeckt oder der erste Burger King öffnet ja, dann stehen der Konsum und die Masse wieder im Vordergrund. Der individuelle Charme ist somit verloren gegangen und das Viertel wurde latte macchiatoisiert.