Drag Queen Misty Day macht sich fertig für die Show. | Bild: Sophie Mineif

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Vier Länder, vier Queens

Drag Queen Misty Day macht sich fertig für die Show. | Bild: Sophie Mineif

18 Jun 2018

Ist Drag wirklich überall gleich? Was unterscheidet Europa von den USA und gibt es so etwas wie europäischen Drag? Ivy-Elyse Monroe, Leroy Sparx, Dita von Bill und Rachel Intervention erzählen, was sie über Drag in ihrem Land und Europa denken.

Mit zwei großen Reisetaschen bewaffnet machen sich – noch ungeschminkt – Marcel und Jonathan drei Stunden vor der Show auf den Weg zur „Weissenburg“ in Stuttgart. Dort findet derzeit einmal pro Woche ein Public Viewing der amerikanischen TV-Show „RuPaul’s Drag Race“ statt. Die Treppe hoch und schon geht es in den Ankleideraum. Kaum sind ein paar Minuten vergangen, sind Pinsel, Kleber, Lidschattenpalette und Perücken ausgepackt. Die Transformation kann beginnen.

RuPaul‘s Drag Race:

Seit 2008 eine us-amerikanische Fernsehshow. Die Drag Queen RuPaul ist dabei jedes Jahr auf der Suche nach „Amerikas nächstem Drag-Superstar“.

Der Kampf um den Thron

Mit Bastelkleber werden die Augenbrauen weggeklebt und die letzte Spur eines Bartes abgedeckt. „Klar ist Deutschland kleiner als die USA, aber hier gibt einen guten Zusammenhalt. Wir laden uns gegenseitig zu Shows ein und versuchen uns zu pushen“, so Marcel alias Rachel Intervention aus Deutschland.

 

Wenn das Gesicht zur Leinwand wird. | Bild: Sophie Mineif

Bei Drag sind die USA schon seit langem Vorreiter. „Wenn du dir Amerika anschaust, siehst du, dass es sehr kommerziell ist. Vergleicht man es mit Musik, so kann amerikanische Musik weltweit verkauft werden. Genauso ist es mit Drag. Es ist kommerziell und du kannst es weltweit verkaufen. In Europa haben wir dafür mehr Vielfalt“, findet Ivy-Elyse Monroe aus den Niederlanden. Amsterdam ist eine sehr offene Stadt, was man mitunter an der ausgeprägten Szene sieht. Auch wenn Drag für Ivy-Elyse nur ein Hobby ist, kennt sie viele Queens, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Ähnlich wie in Amerika gibt es auch hier einen richtigen Konkurrenzkampf. „Du hast eine Menge Queens, mit denen du dich messen musst. Du musst die Beste sein. Das mag ich!“  Der Italienerin Leroy Sparx gefällt das dagegen weniger: „Zwischen den Queens hier besteht keine wirkliche Freundschaft. Es gibt viel Konkurrenzkampf. Wenn du nicht komplett selbstbewusst mit deinem Drag bist, erreichst du nichts.“

Drag Queens International | Bild: Sophie Mineif

Weniger Möglichkeiten, mehr Support

Für Rachel unterscheidet sich der europäische und der amerikanische Drag vor allem hinsichtlich der Arbeitsmöglichkeiten. „Menschen in Deutschland geben ungern Geld für Unterhaltung aus. Leute sehen Drag nicht als Kunst und stehen daher nicht mit einer guten Gage dahinter.“ In Italien macht man es nach Leroy Sparx den Künstlern auch nicht leicht, ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen. Drag Queens sind dort meist in einem Club angestellt. Hierbei ist es nicht erlaubt in Drag auf die Bühne eines konkurrierenden Clubs zu gehen, sonst verliert man seinen Job. „Sobald du kündigst, holen sie sich eine neue Queen. Das ist verrückt! Drag sollte überall erlaubt sein und man sollte überall auftreten können.“ Eine weitere Regelung besagt, dass die Queens ihr Trinkgeld nicht behalten dürfen. Man macht es ihnen sehr schwer, mehr zu verdienen als ihr fixes Gehalt.

Zu den aufwendigen Augen dürfen falsche Wimpern nicht fehlen. | Bild: Sophie Mineif

„Du kommst hier nicht rein“

Derweil sitzen Make-Up, Wimpern, Perücke und Nägel. Marcel und Jonathan sind jetzt Rachel Intervention und Misty Day. Mit den High Heels ein paar Zentimeter größer als vor drei Stunden geht es die Treppe wieder hinunter in den Veranstaltungsraum. Das Publikum ist bereits da und zuschauen darf jeder. So unkompliziert ist es in Serbien oft nicht: „Auch wenn Menschen alt genug sind und ihren Personalausweis haben, kommen sie als Drag Queens, oder auch Transgender, nicht in einen Club. Sie sehen die äußere Erscheinung einer Frau, aber den Ausweis eines Mannes. „Es scheint ein Mangel an Akzeptanz zu sein. Das Gesetz ist nicht auf die Probleme abgestimmt, die Transgender Personen haben, da auch eine Menge von ihnen Drag machen“, meint Dita von Bill.

Transgender:

Jemand, der sich seinem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlt.

Transvestit:

Ein Mann, der sich meist zum Lustgewinn wie eine Frau kleidet.

Drag Queens/Kings und Bio Queens:

Eine Drag Queen ist ein Mann, der künstlerisch oder humoristisch eine Frau verkörpert. Wenn eine Frau das Verhalten eines Mannes in künstlerischer Art präsentiert, ist sie ein Drag King. Bio Queens sind Frauen, die ihre Weiblichkeit auf diese Art und Weise präsentieren.

Europas Drag

Rachel und Misty moderieren jetzt die neunte Folge der zehnten Staffel von „RuPaul’s Drag Race“ an. Die Zuschauer freuen sich auf den Beginn der Show. Viele sehen die wachsende Popularität der Fernsehshow als Anlass für die immer größer werdende Drag Community in ihrem Land.

Noch die Perücke verblenden für die perfekte Illusion. | Bild: Sophie Mineif

„Leider schreibt Amerika den Leuten vor, was sie von Drag zu erwarten haben. Die Menschen vergessen normalerweise, dass die Kandidaten von 'Drag Race' sehr viel Geld für ihre Gigs bekommen. Queens in Europa machen Drag neben ihrem Beruf“, beschreibt die serbische Queen den Unterschied zwischen europäischem zu amerikanischem Drag. Doch sie weiß, was die Szene in ihrem Land ausmacht. „Wir haben nichts und doch schaffen wir so viel. Wir haben nicht die Möglichkeiten eine Menge Geld zu investieren und machen trotzdem so großartige Shows. Das macht uns besonders.“

Für Leroy Sparx gibt es vor allem ein Problem in Europa: „Drags aus den Vereinigten Staaten können sich besser vermarkten und haben eine Plattform. Sowas haben wir nicht. Deswegen sind wir noch so weit hinten dran.“

Aber fällt die europäische Drag-Szene wirklich so weit hinter der amerikanischen zurück? Seit ein paar Jahren, da sind sich alle vier Queens einig, wächst die Szene in Europa. Als Dita von Bill in Serbien angefangen hat, gab es gerade mal drei bis vier Drag Queens in ihrem Land. Heute sind es bereits 15. Auch wenn es in den verschiedenen Ländern unterschiedlich schnell voran geht – Drag wird immer populärer.

Aber eines verändert sich laut Rachel nicht: „Der Sinn hinter Drag ist global gleich. Es ist eine Kunstform, es ist ein Selbstausdruck und es ist Unterhaltungskunst.“

Rachel Intervention muss noch schnell schauen, ob alles sitzt. | Bild: Sophie Mineif