Als das Gerber gebaut wurde, sanierte die Stadt an dieser Stelle die Tübinger Straße. | Bild: Kaja Hertneck, Ricarda Zahn

edit.Puls Gentrifizierung
Unsere Straße wird vergoldet

Als das Gerber gebaut wurde, sanierte die Stadt an dieser Stelle die Tübinger Straße. | Bild: Kaja Hertneck, Ricarda Zahn

31 Jan 2018

Erst Drogentreff, dann Fahrradstraße. Nach und nach wird die Tübinger Straße umgekrempelt und in punkto Attraktivität ordentlich aufgemöbelt. Doch dabei wird die Gegend nicht nur hipper, sondern auch teurer. Drei Stuttgarter erzählen, was sie mit der Gentrifizierung verbindet.

Dazu haben wir einige Leute auf der Tübinger Straße gefragt, was sie unter Gentrifizierung verstehen. Das sind ihre Antworten.

„Eine Wertsteigerung eines Viertels, wodurch die alte Bevölkerung die Mieten nicht mehr zahlen kann und aus ihren Wohnungen verdrängt wird.“ - Jonas (31)
„Eine Kategorisierung in Geschlechterrollen.“   - Clara (19)
„Eine Modifizierung, bei der bestimmte Gene aktiviert bzw. deaktiviert werden.“ - Claudia (48)

Auf der Tübinger Straße wird so einiges in die Hand genommen. Hier im Süden nutzen die Eigentümer das Gesetz zur Stärkung der Quartiersentwicklung durch Privatinitiative. Dabei bestimmen sie bei der Aufwertung mit. Aber auch an verkehrsberuhigende Maßnahmen und grüne Flächen muss gedacht werden. Diese Aufgaben übernimmt die Stadt. Durch das Zusammenspiel aus kreativen Köpfen und Stadtverwaltung wird aus dem einstigen Treff für Dealer und Heimatlose allmählich ein hipper Hot-Spot. Reiner, Kristina und Nico erzählen, wie sie die Entwicklung wahrnehmen. 

 

Der Gastronom

Reiner Bocka ist Besitzer des Galao auf der Tübinger Straße. Es ist die Lieblingskneipe vieler Stuttgarter und zweimal wöchentlich werden hier sogar Live-Konzerte veranstaltet.

Mit Freunden gründete Reiner das Galao, um einen Ort zu haben, an dem sie sich ausleben können. | Bild: Kaja Hertneck, Ricarda Zahn

„Vier Jahre ist es jetzt her. Da stand das Galao kurz vor dem Aus. Du hast hier als Kulturtreibender keine freien Räume. Du wirst null unterstützt, null! Als wir 2009 angefangen haben, war alles total cool. Keinen Arsch hat es interessiert, dass wir hier jeden Freitag ohne jeglichen Lärmschutz wilde Partys gefeiert haben. Alles war super easy, die Nachbarn haben mitgefeiert, die Gegend war total out of interest. Mit der Zeit kamen mehr Leute, mehr Lärm und dann die Polizei. Dann hieß es wohl oder übel Ordnungsvorschriften nachholen. Aber wir haben uns auf einen Kompromiss eingegrooved, der relativ nachbarschaftsverträglich ist. Hier ist halt doch Wohngebiet, hier gelten andere Regeln. Spätestens vor vier Jahren, als mich die Leute mit ihren Spenden aus der Scheiße gezogen haben, ist mir bewusst geworden, dass die anfängliche Naivitätsphase ein Ende hat. Ohne sie hätten wir es nie geschafft innerhalb von vier Wochen das Haus aufzukaufen und wir hätten raus gemusst. Die Verantwortung, die ich jetzt habe, muss ich den Menschen wohl jahrelang zurückzahlen, aber ich bin unendlich dankbar dafür.

Die Tübinger Straße hat sich extrem verändert. Die Leute suchen nach Essen, Trinken und Kultur. Demnach häufen sich immer mehr Gastros an. Gott sei Dank gibt's noch keine großen Ketten und die Gegend bleibt einigermaßen old-school. Doch die Veränderung geht weiter. Da bin ich mir sicher. Es werden hier Leute kommen, die sehr viel Geld haben. Das hat Vorteile und Nachteile. Aber eine Veränderung ist an sich immer gut. Das Leben geht weiter und wird sich auch weiter mit öffentlichen Orten füllen.“

Die Konsumentin

Kristina arbeitet in einer digitalen Kommunikationsagentur direkt an der Tübinger Straße. In ihrer Freizeit ist sie aktiv auf Social-Media-Kanälen unterwegs und lässt sich gerne von neuen Trends inspirieren.

Wer eine coole Location auf der Tübinger Straße sucht, muss eigentlich nur Kristina fragen. | Bild: Kaja Hertneck, Ricarda Zahn

„Seit 2010 darf auch ich mich Stuttgarterin nennen und arbeite mitten in der Stadt am Rotebühlplatz. Sobald gegen Mittag die Köpfe rauchen und Mägen knurren, stellt sich hier nur noch die Frage: Lieber zum Asiaten um die Ecke oder den neuen Hipster-Laden auf der Tübinger Straße testen? Meiner Meinung nach ist die Tübinger Straße wegen der Eröffnung des Gerbers 2014 erst so beliebt geworden. Und letztes Jahr ist dann auch nochmal unglaublich viel passiert.

Ich erinnere mich an einige Sommernächte in der Sattlerei. Da ging schon mal der ein oder andere Gin Tonic zu viel über die Theke. In Stuttgart ist's leider so, dass in ganz vielen Stadtteilen gar nicht so viel abgeht. Und in der Innenstadt hatte ich schnell die coolen Locations durch. Zum Glück hat die Stadt aus der dunklen Ecke zwischen Innenstadt und Marienplatz ein echt lässiges Gebiet geschaffen. Aber wenn ich an die Bewohner denke und mir den Mietpreis anschaue, dann ist das schon krass. Vor allem, weil viele Vermieter denken, sie können mit ihrem Loch eine Menge Kohle machen.“

Der Anwohner 

Nico wohnt mit zwei anderen Studierenden in einer WG auf der Tübinger Straße. Er ist immer viel unterwegs und geht zum Lernen gerne auf die Karlshöhe.

Nico hat in seinem WG-Zimmer sogar noch einen alten Gasofen. | Bild: Kaja Hertneck, Ricarda Zahn

„Schon witzig, früher hieß es immer: „Du wohnst am Marienplatz? Wo ist der denn?“ Und heute bist du der King, wenn du von deiner WG in der Tübinger Straße erzählst. Wir haben echt Glück mit unserem alten Vertrag, obwohl es durch die Staffelmiete schon teurer wurde seit meinem Einzug vor sieben Jahren. Aber ganz ehrlich, ich muss nur an Porsche und Bosch denken – es ist unvermeidbar, dass sich hier erstens Preise erhöhen und zweitens auch immer mehr Attraktivität gefordert wird. Wobei die Stadt da aber schon auch ein Wörtchen mitzureden hat. Es kann ja nicht einfach mal jemand kommen und ein Gerber dahinstellen.

Trotzdem glaube ich, dass die Tübinger Straße den Leuten ihren Ruhm zu verdanken hat. Das Marienplatzfest ist ja auch nicht vom Himmel gefallen. Da hat sich ja auch jemand hingesetzt und wollte aus dem biederen Süden etwas Besonderes machen. Ich würde mir aber wünschen, dass ich nicht bald über einem dröhnenden Club wohne, sondern die Entwicklung irgendwann ein Ende hat. Lärm merke ich ja jetzt schon, im Altbau, so ganz ohne Dämmung. Andererseits finden wir es jetzt im Moment als WG auch einfach geil, was um uns herum alles hochgezogen wird.“

Nicos WG befindet sich im vierten Stock und ist noch nicht saniert.
Das Galao hat für jede Tageszeit etwas zu bieten. Es gibt Kaffee, Snacks, warme Gerichte sowie Cocktails.
Auch unter der Paulinenbrücke ist bereits eine Aufwertung geplant.