Jung und reif für die Inzel. | Bild: Lara Füssel

edit.Puls Aufwachsen in der Neckarvorstadt
Straight outta Cannstatt

Jung und reif für die Inzel. | Bild: Lara Füssel

24 Jan 2018

Die Eltern und die Schule fangen an zu nerven, cool zu sein steht an erster Stelle und plötzlich ist Moritz nicht mehr voll doof, sondern eigentlich ganz nett: Für viele Mädels und Jungs ändert sich mit der Pubertät so einiges. Doch wohin damit, wenn die Unterstützung fehlt und man keinen Ort für sich und seine Probleme hat?

„Hi, du!“, ruft mir ein Mädchen winkend zu. Im nächsten Moment quatschen mich drei Jungs an und fragen, wie ich heiße und aus welchem Land ich komme. Die Antwort warten sie jedoch nicht ab, sondern spekulieren lieber selbst darüber. Zuvor war mein Tag stressig und vollgepackt mit Terminen. Umso schöner ist da ein offenes Willkommen wie dieses.

Die Jungs haben es sich auf der Couch bequem gemacht. | Bild: Lara Füssel

Ich setze mich mit Marie zusammen. Sie ist Französin, fast von Anfang an dabei und die Chefin des Jugendcafés „Die Inzel“, welches für die Kids aus der Neckarvorstadt verantwortlich ist. Der kleine Bezirk befindet sich im Norden Stuttgarts, liegt zwischen der Wilhelma und Bad Cannstatt.

Ihre Jugendstätte ist etwas Besonderes, sagt sie. Denn das Team betreibt außer den festen Räumlichkeiten an der Rosensteinbrücke auch mobile Jugendarbeit auf der Straße. Die übersichtliche Location ermöglicht darüber hinaus einen schnellen und persönlichen Kontakt. Für die Heranwachsenden ist das Café ein Rückzugsort, wo sie einmal runterkommen und geschätzt werden. Caro, ehemalige Besucherin und mittlerweile fest an Board, schwelgt in Erinnerungen: „Da standen diese Pädagogen und haben uns Antworten auf all unsere Fragen gegeben. Das hat mir so gut gefallen, dass ich das auch machen wollte.“ Was für manch andere Kinder die Familie ist, sind für ihre Gleichaltrigen aus der Inzel der Freundeskreis und das Inzelteam. Von 'Ich habe Stress mit meinem Lehrer' bis 'Ich glaube, meine Eltern lieben mich nicht' − Marie und ihre Kollegen sind immer wieder erstaunt, wie sehr ihnen die Jugendlichen vertrauen. Was dann hilft sind oft Kleinigkeiten. „Der richtige Satz im richtigen Moment oder die Hand auf der Schulter. Etwas ganz Natürliches, aber das ist dann genau das, was sie in diesem Augenblick brauchen.“ Doch diese ehrliche und einfühlsame Art der Unterstützung schätzen die Kids besonders.

Die Inzel in der Neckarvorstadt. | Bild: Lara Füssel
Die Räumlichkeiten des Jugendhauscafés. | Bild: Lara Füssel
Mehrmals im Monat sind größere Aktivitäten, Ausflüge und Spieleabende geplant. | Bild: Lara Füssel
Im Sommer wird draußen auch oft gemeinsam gekickt. | Bild: Lara Füssel
„Wir sitzen auch öfters zusammen am Tisch, essen und reden miteinander. Viele Jugendliche kennen das gar nicht mehr von Zuhause." − Caro | Bild: Lara Füssel
Eine unserer Mädels zieht ihre Schuhe aus, wenn sie kommt, macht es sich auf dem Sofa gemütlich und beobachtet die Leute um sie herum.“ − Caro | Bild: Lara Füssel
Früher wie heute: Bravo und Co. bieten Jugendlichen während der Pubertät Orientierung. | Bild: Lara Füssel
Beim UNO-Spielen lernen sich Kinder und Pädagogen schnell kennen. | Bild: Lara Füssel
Die Billard- ... | Bild: Lara Füssel
... und Tischkicker-Ecke. | Bild: Lara Füssel

Zwischen den Kulturen

Das Café der Inzel ist laut Marie der einzige Ort im Stadtteil, wo sich die Jugendlichen zusammenreißen. Dort können sie sich auf die Mitarbeiter verlassen und auch ein Nein bleibt bei einem Nein. Viele der Eltern stehen unter Stress, haben mehrere Jobs, um den Unterhalt zu finanzieren und demnach kaum Zeit. Die meisten Jungs und Mädels müssen sich deshalb selbst zurechtfinden. In dem Bezirk um die Neckarvorstadt leben zudem einige junge Menschen unter der Armutsgrenze. Ob Hunger, Schutz vor häuslicher Gewalt oder die Angst vor der Abschiebung: Manche Kinder sind so damit beschäftigt, ihre Grundbedürfnisse zu decken, da bleibt keine Zeit, sich die eigene Zukunft auszumalen. Hilflosigkeit und das Gefühl 'nichts erreichen zu können' sind die Folge. Marie kann die Wut mancher Heranwachsender da gut verstehen. „Es ist doch klar, dass man dann lieber alles kaputt macht oder den großen Macker spielt. Viele Leute vergessen jedoch, dass da eigentlich nur ein 15-jähriger Kerl steht, der sich gerade in die Hose macht.“ Aus diesem Grund besteht ihr Job als Sozialarbeiterin vor allem darin, den Teenagern Alternativen aufzuzeigen.

Gegenseitiger Respekt gehört in der Inzel zum A und O. | Bild: Lara Füssel

„Wenn ich mal groß bin ...“

„Viele Jugendliche möchten im Stadtteil bleiben und auch ihre Sprösslinge eines Tages dort aufwachsen sehen. In einem gutbürgerlichen Viertel leben? Das können sich die Meisten nicht vorstellen. Laut Marie hat das viel mit dem Selbstbewusstsein zu tun: „Unsere Kiddies würden sagen: 'Ich bleibe lieber unter Kanacken'.“

Während andere Teenager davon träumen, die Welt zu bereisen oder sich auf ihr Studium vorbereiten, macht sich der ungeregelte Alltag vieler Inzelgänger auch in deren Wunschvorstellungen bemerkbar: „Eine nette Freundin, zwei Kinder, ein Haus und ein Auto mit ein bisschen PS. Die wollen Sicherheit und Normalität.“

Die Chefin ist mächtig stolz auf „ihre“ Kids. Wenn manche der Heranwachsenden beispielsweise eine Ausbildung erfolgreich abschlossen haben, sind das mit ihrem Hintergrund vergleichsweise drei Doktortitel. Sie betont, dass es ohnehin nicht darauf ankommt, was man gemacht hat, sondern woher man kommt und welchen Weg man gegangen ist.

Ein bisschen Liebe

Für die Leiterin des Jugendhauses ist es wichtig, dass sich die Gesellschaft im Umgang mit Jugendlichen daran erinnert, was es bedeutet jung zu sein. Und was die eigene Pubertät damals so mit sich brachte.

„Es ist egal, wer deine Eltern sind oder wie viel Geld du auf dem Bankkonto hast − die Pubertät ist scheiße.“ – Marie

Maries Wunsch: Ein liebevollerer Blick und ein bisschen Kulanz am richtigen Platz. Der Mensch braucht nicht viel, aber er braucht das Gefühl, willkommen zu sein und geschätzt zu werden.

Frustration kommt auf, wenn eine Person das Gefühl hat, ihren Platz in der Gesellschaft nicht zu bekommen. Angebote wie die Inzel können junge Menschen dabei frühzeitig unterstützen. Stärkere finanzielle Mittel etwa von Seiten der Stadt sind deshalb auch immer eine gute Investition in unser gemeinsames Miteinander. Mit einem Augenzwinkern fügt die stolze Bad Cannstatterin hinzu: „Damit sind wir immer noch billiger, als bei einem Gefängnisaufenthalt.“