Wie viel Überwachung wollen wir in Europa? | Bild: Sophie Mineif

edit.Yourope Dystopie „1984“
Macht die Augen auf

Wie viel Überwachung wollen wir in Europa? | Bild: Sophie Mineif

18 May 2018

Ein düsteres Bild unserer Zukunft: Es gibt keine Privatsphäre und niemand ist vor seinen eigenen Gedanken sicher. „1984“ ist mehr als bloße Science-Fiction und Schwarzmalerei. Der Intendant am Schauspiel Stuttgart Armin Petras erzählt uns, inwiefern die Geschichte von George Orwell ein Weckruf für uns alle sein sollte. 

„Wir sind uns auch noch nicht im Klaren darüber, wie sehr wir in einer gläsernen Gesellschaft leben, wie durchschaubar der Einzelne ist“, meint Armin Petras. Der Regisseur will das Theaterstück „1984“ während des Festivals „Future of Europe“ im Juni aufführen. Gezielt entschied er sich für den Klassiker von George Orwell: „Ich habe ganz bewusst Utopien und Dystopien ausgewählt, die unsere zukünftige Gesellschaft und in dem Fall natürlich auch Europa betreffen“, erklärt der Theaterleiter, der ebenfalls unter dem Pseudonym Fritz Kater bekannt ist.

Er hat eine genaue Vorstellung davon, wie er den 1949 erschienenen Roman in das Hier und Jetzt übertragen will: „Die Anteile, die heutzutage nicht mehr aktuell sind, zum Beispiel den Stalinismus, habe ich entsprechend verändert, um das Stück mehr auf eine allgemeine Überwachung auszurichten, in der wir heute leben.“

Stalinismus: Die Bezeichnung Stalinismus umfasst die Herrschaft Josef Stalins in der Sowjetunion von 1927 bis 1953. Der Stalinismus war durch ein totalitäres und ideologisches Regime geprägt.

Von Hoffnung und Widerstand

Petras möchte dem Publikum die bedrückende, ausweglose Situation eines Herrn mittleren Alters vermitteln. Dieser hat das Gefühl, sein ganzes Leben bis jetzt vermasselt zu haben, verliebt sich dann aber wieder und schöpft neue Hoffnung. Petras meint: „Das betrifft jeden von uns. Zwar ist dieses Werk eine düstere Dystopie, andererseits aber auch ein Hohelied auf das Leben, die Lebensfreude und darauf, dass der Widerstand eigentlich in jeder Sekunde unseres Lebens dazugehört. Damit wir uns nicht vereinfachen und begradigen lassen. Nicht vergessen, über den Tellerrand hinauszuschauen.“

Wo finden wir Orwells Welt bei uns wieder? Wie eingeschränkt sind wir denn heutzutage in unserem Leben? „Ich sehe diese in der Zerstörung der Natur und in der Zerstörung von zwischenmenschlichen Beziehungen im Kapitalismus, in dem wir heute leben“, meint der Regisseur. „Es gibt nur noch wenige verschiedene Lebensmodelle und wir ordnen uns einem unter. Ich stelle mir dabei die Frage, ob es heutzutage überhaupt noch Parteien oder Organisationen in Europa gibt, denen man sich alternativ anschließen kann. Außerdem ist für mich die versuchte Revolution in diesem totalitären Überwachungsstaat aus Orwells Buch faszinierend.“

Die Welt von George Orwell | Bild: Sophie Mineif, Joel Lischka

Mehr Überwachung oder mehr Freiheit?

In einer Umfrage unter Stuttgarter Studenten gingen die Meinungen der Befragten stark auseinander. Inwiefern brauchen wir mehr Überwachung, inwiefern sind wir frei? Wenn man nichts zu verbergen habe, seien mehr Eingriffe in die Privatsphäre legitim, sagt Jas. Er ist Student an der Hochschule der Medien. Wiederum sehen sich andere durch mehr Kontrolle in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt.

Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka
Studierende am Uni Campus Vaihingen über Kontrolle in Europa | Bild: Joel Lischka

Regisseur Armin Petras sieht die zunehmende Überwachung in Europa kritisch: „Ich finde, dass wir an vielen Ecken unseres Lebens dazu bereit sind, Freiheiten teilweise sinnlos aufzugeben.“ Er fügt hinzu: „Wir dürfen nicht mehr rauchen, wir dürfen nicht mehr trinken, wir dürfen bestimmte Dinge nicht sagen. Heute muss immer alles der political correctness entsprechen. Diese Einschränkungen momentan lassen mich an Zeiten zurückerinnern, die lange vergessen zu sein schienen“, merkt der Intendant an. Er sei nicht mehr bereit, seine Freiheit noch mehr einzuschränken, als es die Gesellschaft tue.

Europa am Scheideweg?

Petras ist über die Zukunft Europas zwiegespalten. Zum einen verfüge der Kontinent über einen unglaublichen Reichtum – nicht nur finanziell, sondern auch an Kultur, Austauschmöglichkeiten und Natur. Nichtsdestotrotz sei dies alles in Gefahr, immer kleiner und zerstört zu werden, fürchtet Armin Petras. Das widerspreche sich. „Mit der Inszenierung von „1984“ will ich helfen, etwas zu ändern, und für mehr Wachsamkeit bei den Menschen sorgen.“