| Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva

edit.Puls Lichtwerbung
Die Gesichter einer Großstadt

| Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva

11 Jan 2018

Neon, LED und Leuchtbuchstaben: Lichtwerbung ist aus den Großstädten der Welt nicht mehr wegzudenken. Doch was ist Lichtwerbung eigentlich und warum freut sich längst nicht jeder über die Erleuchtung des urbanen Nachtlebens?

17:00 Uhr an einem windigen und kalten Novemberabend: Es wird langsam dunkel, der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Während sich die Menschenmassen durch die Fußgängerzone Stuttgarts schieben, buhlen angestrahlte Schildplatten, innenbeleuchtete Leuchtkästen, Neon-Schriftzüge, LED-Anzeigen und Media-Boards um die Aufmerksamkeit der potenziellen Konsumenten. Sie ziehen die Blicke der Käufer auf sich und vermitteln ein Gefühl von Vertrautheit. Denn was wäre eine Innenstadt ohne ihre vielen leuchtend bunten Werbeflächen? Wohl nur eine seelenlose Wüste aus Glas und Beton. Betrachtet man dieses Lichtergewirr jedoch aus einem anderen Blickwinkel, hoch oben vom Weißenburgpark etwa, bemerkt man diesen Konkurrenzkampf nicht mehr. Aus sicherer Entfernung sieht man nur noch die Stadt mit ihrem farbenfrohen Lichtermeer. Die Stadt, die auch nachts lebendig wirkt. Die Stadt, die nie schläf.

 

Was ist Lichtwerbung?

Lichtwerbung ist heutzutage aus großen Städten nicht mehr wegzudenken. Leuchtreklame als langfristige statische Außenwerbung, dient dazu, Gebäude zu kennzeichnen und das Image eines Unternehmens nach außen zu zeigen. Diese Art der Werbung wird seit über hundert Jahren verwendet und ist mittlerweile ein selbstverständlicher Bestandteil jeder Stadt. 

„Lichtwerbung bedeutet für mich die Verschönerung eines Gebäudes." – Joachim Rudolf, Geschäftsführer der Firma Rudolf Lichtwerbung

Für manche Menschen ist Lichtwerbung aber mehr als ein kleiner, oftmals unbewusster Teil des täglichen Lebens, es ist eine Berufung: „Der Beruf erfüllt mich jeden Tag mit Spaß“, sagt Joachim Rudolf lächelnd. Er ist zusammen mit seinem Bruder Oliver Geschäftsführer der Firma Rudolf Lichtwerbung in Degerloch. Anfang der 1960er Jahre wurde der erste Stuttgarter Neondienst von seinen Eltern Klaus und Hannelore Rudolf ins Leben gerufen. So war sein Weg quasi vorbestimmt. Lichtwerbung bedeute für Joachim Rudolf die Verschönerung eines Gebäudes. „Wir helfen Unternehmen, durch die Gebäudekennzeichnung vor Ort gefunden zu werden und Informationen über sich preiszugeben.“ Die Kundennähe und die enge Zusammenarbeit mit Agenturen verschafft seinem Betrieb Vorteile gegenüber seinen Wettbewerbern, wie er erklärt: „Der Stuttgarter Markt ist zwar übersichtlich, aber wir haben mit Konkurrenz aus ganz Deutschland zu kämpfen.“

 

Wandel in der Lichtwerbung

Seit seiner Gründung vor knapp 60 Jahren hat das Familienunternehmen große Veränderungen erfahren. Die ganze Branche unterlag einem technischen Wandel, wie der Experte erläutert: „Über Jahrzehnte hinweg war die Neonröhre das Medium schlechthin, um Werbeanlagen auszuleuchten.“ Diese sind inzwischen ersatzlos ausgetauscht worden, rund 98% aller Werbeanlagen werden heutzutage mit LEDs ausgeleuchtet. Doch nicht nur die Art der Beleuchtung wurde revolutioniert, auch vor der Herstellungsart der Außenwerbung machte der Fortschritt nicht halt. Stand der Technik ist heute der Digitaldruck, der sich schnell durchgesetzt und verbreitet hat. Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Anforderungen, die die Auftraggeber inzwischen an das Design ihrer Außenwerbung stellen. Auch hier gilt es aktuelle Trends zu berücksichtigen und dabei selbst innovativ zu bleiben.

Während die Fantasie und Kreativität bei der Ausgestaltung der Lichtwerbung keine Grenzen kennt, sind diese dem Baurechtsamt der Stadt Stuttgart umso präsenter. „Städte legen heute in ihren Bebauungsplänen fest, in welcher Art und in welchem Umfang Werbeanlagen an den Gebäuden angebracht werden dürfen.“ Man brauche für jede Werbeanlage, die größer als einen Quadratmeter sei, eine baurechtliche Genehmigung, so Herr Rudolf weiter. Diese Beschränkung der Lichtwerbeanlagen in Form, Farbe oder Material soll für ein einheitliches Erscheinungsbild sorgen und den Gesamteindruck der Stadt nachhaltig positiv beeinflussen.

 

Wo viel Licht ist, ist starker Schatten

Das wusste bereits Goethe. So sehr Lichtwerbung die Umgebung gestaltet, so sehr ist sie auch Teil eines Problems. Gerade in Metropolen strahlen Millionen von künstlichen Lichtquellen, die Staub- und Schmutzpartikel in der Atmosphäre an. Sie bilden somit eine orangene Lichtglocke über der Stadt. Genau diese Lichtemission ist ein oft diskutiertes Thema von Umwelt- und Naturschutzorganisationen wie beispielsweise Greenpeace oder NABU. Es gibt aber auch spezielle Nachtschutz-Organisationen wie zum Beispiel die "Dark Sky Initiative" oder das "Projekt Sternenpark Schwäbische Alb", die allesamt gegen starke Nachtbeleuchtung kämpfen. Sie prangern an, dass die Werbeanlagen sowie die restliche Stadtbeleuchtung zu hell leuchten und somit den Tag-Nacht-Rhythmus der Menschen, Tiere und Pflanzen empfindlich stören würden. Dies könne laut ihnen bei Menschen zu Erkrankungen führen. Zudem würden Zugvögel von ihren Flugbahnen abgelenkt und eine Großzahl nachtaktiver Insekten an Lampen verenden. Sogar das natürliche Wachstum der Pflanzen sei durch das künstliche Licht negativ beeinflusst. Den Preis der zunehmenden Urbanisierung bezahlen wir also nicht nur mit Luft-, sondern auch mit Lichtverschmutzung.

Sind die bunten Lichter einer Großstadt nun Fluch oder Segen? Für uns sind sie auf jeden Fall selbstverständlicher Teil eines urbanen Flairs. Man stelle sich den Times Square oder den Las Vegas Strip ohne die funkelnden, strahlenden Werbeanzeigen vor. Die Städte würden einen Teil ihres Charmes einbüßen. Man muss jedoch überhaupt nicht die eigene Stadt verlassen, um eine direkte Auswirkung fehlender Leuchtreklame festzustellen. Auch die Stuttgarter Innenstadt wäre auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen, wenn plötzlich sämtliche Lichtwerbung fehlen würde. Das wird glücklicherweise so schnell aber nicht passieren. Denn auch wenn für die Lichtwerbung die ferne Zukunft ungewiss ist, werden auch heute Abend die Lichter in Stuttgart wieder angehen und so das Gesicht unserer Stadt bestimmen.

Lichtwerbung in Stuttgart | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva
Lichtwerbung in Stuttgart | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva
Lichtwerbung in Stuttgart | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva
Lichtwerbung in Stuttgart | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva
Lichtwerbung | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva
Stuttgart bei Nacht | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva
Joachim Rudolf | Bild: Nathanie Ursinus-Vasiliadis & Nina Aliabieva