Er verbringt mehr Zeit vor dem Spiegel als die meisten Frauen – Wenn Sascha als Emily auftritt, schminkt er sich im Schnitt zwei Stunden. | Bild: Melanie Spremberg

edit.Puls Dragszene Stuttgart
Interview mit einer Queen

Er verbringt mehr Zeit vor dem Spiegel als die meisten Frauen – Wenn Sascha als Emily auftritt, schminkt er sich im Schnitt zwei Stunden. | Bild: Melanie Spremberg

07 Jan 2018

Sascha Seerig (27) ist Drag-Künstler. Rund 50 Perrücken, eine Nähmaschine und ein Paradies aus Make-Up schmücken sein WG-Zimmer. Was Shakespeare mit Travestie zu tun hat und warum Emily gerne Bahn fährt, erfahrt ihr hier.

Sascha, für die Leser, die Drag nicht kennen: Erklär mal kurz, was das überhaupt ist.

Drag ist eine Kunstform, in der man genderübergreifend Rollen kreieren kann. Wobei das Wort „drag“ ja, einer Legende nach, aus Shakespeares Schriften stammt. In einer Zeit, in der Frauen noch nicht im Theater auftreten durften und deshalb von Männern gespielt werden mussten, soll in seinen Regieanweisungen "dressed as (a) girl" gestanden haben. Einige glauben, dass der Begriff sich daher ableitet.

Wie lange machst du das jetzt schon?

Seit ziemlich genau neun Jahren. Mein erstes Mal in Frauenkleidern war an Halloween 2008. Anfangs aus Spaß. Das Jahr darauf bin ich dann immer mal auf Partys so gegangen. Dann kamen kleinere Auftritte, erste Hostings, meine eigene Facebook- und Instagram Seite und jetzt sitze ich hier und schminke mich für dich.

Den Bart abrasiert und los geht's. Sascha zeigt uns seine Verwandlung zu Emily Island.

Erzähl uns von deinem Drag Charakter. Wer ist Emily Island und was ist ihre Message?

Meine Kunstfigur ist die klassische, feminine Frau. Eine Mischung aus den 20er/30er Jahren und einer Portion punky funky 80’s. Meine Botschaft an die Außenwelt ist, sei wie du möchtest, fühl dich frei und lass dich von niemandem in eine Rolle zwängen.

Was mich brennend interessiert: Wann bist du Sascha, wann Emily? Trennst du das strikt nach Tag- und Nachtleben oder gehst du morgens auch mal als Emily zum Bäcker?

Nein, im Privatleben bin ich nur Sascha und Gestalter für visuelles Marketing. Emily Island ist quasi meine Show. Emily bin ich auf Partys, Hochzeiten, Geburtstagen. Quasi immer, wenn ich gebucht werde.

Ohne Schminke oder Perrücke - so sieht Sascha in seinem normalen Alltag aus. | Bild: Melanie Spremberg

 

Bist du die einzige Queen im Kessel?

Nein, es gibt noch einige andere. Sehr viele jüngere mittlerweile, aber auch einige ältere. Treffen tut man sich allerdings eher zufällig, oder wenn man eine Show zusammen plant. Wobei Stuttgart nicht unbedingt die Travestiemetropole ist, haha.

Was glaubst du, woran liegt das?

Früher gab es in den umliegenden Städten bereits größere Travestieszenen, zum Beispiel in München. Die Leute sind dann dort hin gefahren. Deshalb hat sich das in Stuttgart, denke ich, nie richtig entwickelt.

Heute Abend bist du laut Facebook auf dem 10jährigen Jubiläum der „Fame“, Süddeutschlands größter Gayparty mit Hauptsitz in Stuttgart. Wurdest du dafür gebucht?

Ja, genau. Ich stehe dann am Eingang und schenke Schnäpse aus. Und ja, ich kriege Geld dafür, dass ich dort stehe und gut aussehe (lacht).

Fährst du dann mit der Bahn da hin – als Emily?

Ja, mache ich. Ich fahre gerne Bahn. So kann man Schubladendenken und Klischees derer Leute aufbrechen, die sonst wohl nie mit dem Thema Drag in Berührung kommen würden.

Heißt das, du sprichst die Leute explizit an?

Nein. Wenn die Leute mit mir sprechen wollen, spreche ich mit Ihnen, aber ich zwinge mich niemandem auf, indem ich ein Gespräch provoziere oder ähnliches. Ich respektiere Jedermanns Privatsphäre. Meine eigene schätze ich schließlich auch.

Bist du schon einmal auf negative Reaktionen oder Widerstand bezüglich des Drag gestoßen?

Eigentlich nicht. Ich bin generell kein Streit suchender Mensch. Wenn mich jemand nicht mag, geh ich der Person aus dem Weg. Klar kriege ich schon mal etwas hinterhergerufen, aber das ignoriere ich. Die meisten Konflikte entstehen erst, wenn man sich darauf einlässt.

In Amerika gibt es eine Castingshow in der Drag Queens gegeneinander antreten und um den Titel „Americas next Drag Superstar“ kämpfen. In Anlehnung an den aus der Show bekannten Vers „Sissy that Walk“ nennt du und ein paar Freunde euch „Sissy that Talk“. Erzähl mal, wer ihr seid und was ihr macht.

Ich bin quasi der wiederkehrende Special Guest der Gruppe und die Jungs bringen das queere Leben Stuttgarts auf Social Media. Ob Eurovision, Christopher Street Days (CSDs), schwule Kreuzfahrten oder politische Themen wie die Bundestagswahl – wir geben einen Überblick über alle Topics, die für queer people interessant sein könnten. Beim Stuttgarter CSD hatten wir letztes Jahr sogar eine eigene Gruppe.

Apropos CSD - Wie viele Jahre läufst du jetzt schon dort mit?

2018 wird mein neunter CSD in Folge.

Und deine Kostüme nähst du selbst?

Ja, alle. Ein CSD-Kostüm ist allerdings sehr aufwendig. Das ist eine Planung von einigen Monaten. Die Umsetzung dauert dann circa eine Woche. Ein „normales“ Kostüm nähe ich an drei Abenden.

Man hört Leute oft sagen: „Wofür demonstriert ihr eigentlich noch auf dem CSD, jetzt wo die Homo-Ehe erlaubt ist?“ Was wäre deine Antwort?

Wir feiern die Menschheit, die Menschlichkeit, dass alle Menschen zusammen feiern können. Wir kämpfen außerdem immernoch für Transrechte, denn Transgender sind noch lange nicht so akzeptiert, wie es menschenwürdig wäre. Es geht nicht nur um Schwule oder Lesben, es geht um jeden einzelnen Menschen und um Akzeptanz.