Volkstanzkreis „BalkanDance“ in den traditionellen bulgarischen Trachten. | Bild: Yoana Hristozova

edit.Yourope Europa tanzt
Der Volkstanz verbindet

Volkstanzkreis „BalkanDance“ in den traditionellen bulgarischen Trachten. | Bild: Yoana Hristozova

02 Jul 2018

Seit 2016 verbindet der bulgarische Volkstanzverein in Stuttgart „BalkanDance Menschen verschiedenster Alter und Kulturen und hilft Bulgaren, die im Ausland leben und ihre Kultur, Musik und Sprache vermissen, sich nach der langen Arbeitswoche zu erholen.   

Herzliche Begrüßungen und viel Freude in den Augen der bulgarischen Tänzer, als sie sich beim Volkstanzunterricht in Stuttgart Ost treffen. Sobald sie den Tanzsaal betreten, ziehen sie ihre Schuhe aus und fühlen sich wie zuhause. Die Choreografin lächelt und beginnt sofort mit der Wiederholung der Tänze der letzten Unterrichtsstunde.

Der bulgarische Folkloreklub „BalkanDance“ wurde im Februar 2016 in Stuttgart von einer Gruppe von Enthusiasten gegründet, die ihr Zugehörigkeitsgefühl zur bulgarischen Gemeinschaft, die Liebe zu ihrem häuslichen Leben und den Wunsch teilten, einen Teil ihrer Heimat in das ferne Deutschland zu verlegen. Jetzige Choreografin der Gruppe ist Boryana Hristozova. Ihre berufliche Karriere begann während ihres Studiums der bulgarischen Volkschoreographie an der Akademie für Musik und Theater in Plovdiv. Parallel zu ihrem Studium lehrte sie schon damals bulgarische Volkstänze an der Sekundarschule in Dimitrovgrad. 

Der Tanz hatte seine Ursprünge in religiösen Motiven, wurde aber im Laufe der Jahrhunderte aus der Kirche verbannt und entwickelte sich aus dem Volkstanz weiter in Bühnentänze. Im Zuge der Industrialisierung drohten die über Jahrhunderte gewachsenen europäischen Volkslieder und Tänze aus dem Alltag zu verschwinden. Bald fanden sich Wissenschaftler, die aus der Stadt kamen, um die letzten verbliebenen Lieder und Tänze des Volkes festzuhalten. Nach so vielen Jahren Pflege und historische Konservierung der Tänze haben die neuen Generationen die wichtige Aufgabe, die Traditionen ihres Landes zu bewahren. Auch daraus haben sich wieder weitere Formen entwickelt. In Deutschland sind das zum Beispiel der Schuhplattler und der Landler.

  Die Geschichte des Tanzes kann bis zu der Zeit zwischen 5000 und 2000 vor Christus nachvollzogen werden, denn in dieser Zeit entstanden die ältesten erhaltenen Dokumente, die Informationen zu indischen Tänzen preisgeben. Technisch sehr anspruchsvolle Tänze entwickelten die Menschen im alten Ägypten.  
  Durch diese Schwierigkeitsgrade konnten diese Choreographien nur von professionellen Tänzern ausgeübt werden. Mit diesen Tänzen stellten sie den Tod und die Wiedergeburt von Osiris, einem ägyptischen Gott, dar.  
In der mitteralterlichen Kultur wurde mehr aus Notwendigkeit getanzt – bei den Jahreszeitfesten. Im 15. Jahrhundert vollzog sich im Bereich des Tanzes ein Wandel. Wurde in den frühen Zeiten bereits getanzt, etablierte sich nun der Gesellschaftstanz auch am Hofe. Der Tanz wurde in den adeligen Alltag aufgenommen und an jedem europäischen Hof wurde das Tanzbein geschwungen.
Im 16.Jahrhundert war das Tanzen nicht nur eine Tradition, sondern ein Teil des adligen Lebensstils. Es wurde viel spektakulärer und einheitlicher. Dann haben sich auch Tanzschulen etabiliert.

Die Kursteilnehmer erkunden Tänze aus allen ethnographischen Regionen Bulgariens sowie verschiedene choreografische Werke und Kompositionen, sagt die Choreografin.

Auch die Kostüme haben eine spezifische Bedeutung für den bulgarischen Tanz. „Jede Stickerei hat eine versteckte Bedeutung, wie zum Beispiel Fruchtbarkeit, Schutz, Gesundheit oder Wohlstand. Die Stickerei des Trägers birgt eine verschlüsselte Botschaft, die zu der Zeit jeder verstand, aber heutzutage ist ihre Bedeutung verloren.“

Tanzen hilft vielen Menschen, mit ihrem Alltagsstress besser umzugehen, das erklärt der Musikkognitionsforscher Gunter Kreutz von der Universität Oldenburg in einem Interview mit dem Spiegel“. Paartänze und Volkstänze fordern mehr den Geist, weil die Bewegungen ja geplant sind, anders als beim freien Tanzen. Wenn man alleine tanzt, gibt einem die Bewegung im Rhythmus eine fast schon familiäre Geborgenheit.

Die Pflege unserer Tänze und Traditionen gibt uns Orientierung und eine Identität, aber ist auch eine schwierigere Aufgabe. Für die kleineren europäischen Länder, wie zum Beispiel im Balkangebiet, wo die Migrationsraten ziemlich hoch sind, ist dies eine besonders große Herausforderung. Eine gute Alternative für Emigranten für die Brauchtumsförderung und Pflege sind eben solche Volkstanzgruppen wie „BalkanDance“.

Traditionelle bulgarische Trachten | Bild: Boryana Bogdanova

Die BalkanDance-Tänzer sind ein fester Bestandteil jedes Feiertages der bulgarischen Gemeinde in Stuttgart, aber sie repräsentieren auch einen großen Teil ihres Repertoires auf verschiedenen Festivals, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Die Leute, die zu BalkanDance kommen, sind vor allem Bulgaren, die ihre Begegnungen mit anderen vermissen. Ihnen fehlt die bulgarische Kultur, sie sind nach der langen Arbeitswoche überfordert oder sie suchen einen Ausgleich für das Wochenende. Außerdem vermissen sie oft die bulgarische Sprache, Musik und Unterhaltungskultur. „Bei uns finden sie das alles – der bulgarische Tanz ist der beste Weg, die körperliche Belastung mit dem Vergnügen der schönen Musik und der gemeinsamen Emotionen während des Tanzes zu verbinden, sagt Hristozova. Auch für sie sind Sprache, Kultur und Gedächtnis des Volkes sehr wichtig, da das Volk die Traditionen bewahren, ehren und sie an die nachfolgenden Generationen weitergeben soll. Das ist ihrer Meinung nach auch im Ausland möglich.

„Die Folklore ist der größte Reichtum unseres Landes und es ist unsere Pflicht, sie zu bewahren und es unseren Kindern zu überlassen, sie für immer zu behalten.“   – Boryana Hristozova
Boryana Hristozova, Choreografin von BalkanDance | Bild: Stephen Bo
Yoana Hristozova, Tänzerin und Tochter von Boryana Hristozova | Bild: Boryana Bogdanova