Nachhaltig, umweltbewusst und voller Fahrräder − das ist das Image von Freiburg. Ein Mehrwegbecher soll die Stadt noch grüner machen. | Bild: Patricia Trostel

edit.Puls Nachhaltigkeit
Cupstadt?

Nachhaltig, umweltbewusst und voller Fahrräder − das ist das Image von Freiburg. Ein Mehrwegbecher soll die Stadt noch grüner machen. | Bild: Patricia Trostel

28 Jan 2018

Es begann als Erfolg: Als erste deutsche Großstadt erklärte Freiburg seine Innenstadt mit dem sogenannten „Freiburg-Cup“ zur einwegbecherfreien Zone. Doch die anfängliche Euphorie ist abgeflaut, das Pfandsystem scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Ist das Projekt gescheitert?

Als ich beim Bestellen eines Kaffees zum Mitnehmen nach dem „Freiburg-Cup“ frage, werde ich überrascht gemustert. Mit der Frage „Haben wir sowas überhaupt?“ verschwindet die Verkäuferin hinter der Theke des Backshops und taucht erst einige Zeit später wieder auf. Tatsächlich hat sie nun den  angeforderten Mehrwegbecher in der Hand. „Das kommt bei uns nicht mehr oft vor“, gesteht die Mitarbeiterin, als sie meinen Kaffee in das Behältnis füllt. Was vor gut einem Jahr als Erfolgsgeschichte begann, scheint nun kaum mehr genutzt zu werden. 

Obwohl laut der Stadtverwaltung Freiburg aktuell rund 27.000 Mehrwegbecher im Umlauf sind, ist auch auf den Freiburger Straßen kaum einer davon zu sehen. Dabei funktioniert dieses Pfandsystem ganz einfach: Gegen einen Euro Pfand können sich Kaffeetrinker ihr Getränk anstatt in ein Pappbehältnis in den Freiburg-Cup füllen lassen. Ist der Becher leer, gibt man ihn einfach wieder in einem der teilnehmenden Geschäfte ab − erkennbar sind diese an einem Aufkleber an der Ladentür. Bis zu 400 Mal lässt sich der Mehrwegbecher spülen und somit wiederverwenden. Hat der Cup danach ausgedient, ist sein Material recyclebar. 

Die Reise des Freiburg-Cups. Fahre mit der Maus über die Grafik, um Erklärungen zu erhalten. | Bild: Patricia Trostel

Finanziert wird das Projekt von der Stadt. Schon lange ist Freiburg für seine grüne und nachhaltige Politik bekannt. Seit den Siebziger Jahren wurden hier immer wieder Maßnahmen eingeführt, die die Umwelt schützen sollen. Dazu gehört auch das sogenannte „Abfallwirtschaftskonzept“, aus dem die Idee des Freiburg-Cups enstand. „Kaffeebecher beeinträchtigen die Stadtsauberkeit“, erklärt Dieter Bootz, Sprecher der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg (ASF). Da der Gastronomie diesbezüglich aber keine Vorschriften gemacht werden dürfen, mussten Kaffeebetreiber die Chance bekommen, sich ohne Eigenaufwand zu beteiligen. 14 Betriebe erklärten sich letztendlich bereit, zusätzlich zu normalen Kaffeebechern auch die ihnen kostenlos zur Verfügung gestellten Mehrwegbecher anzubieten. 

Als der Freiburg-Cup Ende November 2016 schließlich vorgestellt wurde, war das Interesse groß. „Durch das breite Medienecho wurde der Becher schlagartig zum Stadtgespräch. Alle wollten ihn“, heißt es von ASF-Geschäftsführer Michael Broglin in einer Pressemitteilung. Die Zahl der Geschäfte, die mitmachen wollten, stieg rasant. Mittlerweile bieten über 100 Cafés, Bäckereien, Bars und Cafeterien der Stadt ihren Kaffee im Freiburg-Cup an. Lediglich große Ketten wie Starbucks, Tchibo oder McCafé wollen nicht Teil der Aktion sein, denn deren Kaffeebecher dienen als Werbeträger.

Die teilnehmenden Geschäfte auf einen Blick. | Bild: Patricia Trostel

Doch diese Pfandbechereuphorie“, wie Bootz das Phänomen nennt,  ist abgeflaut. Auch wenn der Freiburg-Cup in den Cafeterien von Uniklinik oder Universität gut angenommen werde, werde er in den meisten anderen Geschäften kaum beachtet. „Die Menschen sind zu sehr an Pappbecher gewöhnt“, sagt Bootz. Kritisiert werde das Design des Bechers und das fremde Gefühl des Plastiks. „Die Idee finden Viele gut – nur den Becher eben nicht“. Nach wie vor beliebt ist er bei Touristen. Als preiswertes Souvenir nehmen Stadtbesucher den Becher mit nach Hause, sodass immer mehr Cups aus dem System verschwinden. Daraus ergibt sich ein weiteres Problem: Da der Cup für eine langfristige Nutzung gedacht ist, ist seine Herstellung aufwendig. Nur eine regelmäßige Nutzung des Bechers kann die daraus entstehende Ökobilanz ausgleichen – steht der Freiburg-Cup also unbenutzt in der Ecke, wird die Umwelt kaum entlastet. Deswegen sind vor allem die Kaffeetrinker gefragt, wenn sich das System etablieren soll.

Was sagen sie zu dem Projekt? Hier die Meinung auf den Freiburger Straßen: 

Auch die Umfrage auf der Straße zeigt, dass das Mehrwegprojekt noch nicht richtig im Alltag angekommen ist. Ist der Freiburg-Cup also nur eine PR-Aktion für Cafés, die sich als nachhaltig präsentieren wollen? Zumindest nicht überall: Eine Passantin, die einen Freiburg-Cup in der Hand hält, beweist das Gegenteil . „Ich habe mir gerade einen Kaffee geholt und da wurde mir der Freiburg-Cup angeboten“, erzählt sie. Obwohl sie aus Freiburg stammt, habe sie noch nie von der Aktion gehört. Als sie allerdings an der Ladentheke darüber informiert wurde, war sie begeistert: „Ich fand das eine tolle Sache!“. 

Wie dieses Beispiel zeigt, steht und fällt die Aktion mit dem Personal an den Kaffeetheken. Das weiß auch Dieter Bootz: Der Freiburg-Cup müsse aktiv beworben werden, damit er sich etabliere. Die ASF sowie die Stadt Freiburg arbeiten aktuell daran, noch mehr Werbung zu machen und Konsumenten über den Hintergrund des Projektes zu informieren. „Wir bleiben auf jeden Fall dran“, versichert Dieter Bootz. „Eine Aktion wie diese braucht einfach einen langen Atem, das war uns aber schon vorher klar“. Die ASF hofft außerdem, auch andere Städte mit dem Pfandsystem inspirieren und das Bewusstsein der Menschen schärfen zu können.  Was ihnen für das Freiburger Projekt bleibt, ist die Zuversicht: „Die Biotonne hat sich schließlich auch nicht von einem Tag auf den anderen etabliert.“

Noch gehören sie nicht der Vergangenheit an: Umweltschädliche Einwegbecher in der Freiburger Innenstadt. | Bild: Patricia Trostel