Martas und Ugos Couch hat schon viele internationale Gäste beherbergt. | Bild: Anna Germek

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Auf der Couch durch Europa

Martas und Ugos Couch hat schon viele internationale Gäste beherbergt. | Bild: Anna Germek

28 Jun 2018

Mehr als nur eine kostenlose Übernachtung: Couchsurfing bietet die Möglichkeit, andere Länder und Kulturen hautnah zu entdecken. Marta und Ugo schlossen dabei langjährige Freundschaften. Kann das Konzept die Menschen in Europa verbinden?

Interessante Leute kennenlernen und ihren Geschichten lauschen – das versprechen sich Marta und Ugo, wenn sie Fremden ihre Couch als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stellen. Das Ehepaar empfängt Reisende wie Freunde, wenn diese erwartungsvoll vor ihrer Tür stehen.

Im Wohnzimmer von Marta und Ugo steht die Couch, die sie für ihre Gäste ausklappen und vorbereiten. An der Wand hängt eine Scratch Map, auf der man bereiste Orte der Welt freikratzen kann: Die beiden haben schon viel gesehen, fast ganz Europa leuchtet in Grün und Gelb. Um sie herum sind Postkarten von Freunden angebracht, die sie über Couchsurfing kennengelernt haben.

Was ist CouchSurfing überhaupt?

CouchSurfing ist ein Online-Netzwerk, über das Mitglieder eine Couch als Schlafplatz finden können. Über die Webseite oder in der App erstellt der sogenannte Surfer ein Profil über sich und kann anschließend Anfragen an Gastgeber verschicken, die ihrerseits ein Profil besitzen und ihre Couch zur Verfügung stellen.

Vier junge Männer gründeten im Jahr 2004 das inzwischen kommerzielle Unternehmen mit dem Kerngedanken, durch den direkten Kontakt mit Einheimischen den kulturellen und sozialen Austausch zu fördern. Mittlerweile zählt CouchSurfing weltweit über zwölf Millionen Mitglieder in 200.000 Städten.

Hier geht es zur Homepage.

In der kleinen Küche entdeckt man in Details überall Europa: eine Tasse aus Portugal, ein griechisches Schnapsglas, Glühwein aus Estland. Ugo kann sich kaum bremsen, nach noch mehr Souvenirs zu suchen, die sie auf Reisen gesammelt oder von Couchsurfern, die bei ihnen zu Gast gewesen waren, geschenkt bekommen haben. Manche Besucher haben Mitbringsel für ihre Hosts dabei, andere kochen ein landestypisches Gericht und bringen den Gastgebern so ein Stück der eigenen Kultur näher. „Aber wir erwarten nichts”, betont Marta.

Eine Leidenschaft des Ehepaars ist das Reisen. Wo sie schon überall waren, markieren sie auf einer Scratch Map. | Bild: Anna Germek
Marta und Ugo haben schon in den USA zusammengelebt, jetzt nennen sie Stuttgart ihr Zuhause. | Bild: Anna Germek
In der Küche treffen sich die Nationen Europas. Das wird schon anhand der Souvenirs deutlich. | Bild: Anna Germek
Bei einem Feierabendbier und guten Gesprächen lernt man die Nationen Europas kennen. | Bild: Anna Germek
In ganz Europa zu Hause: das polnisch-französische Paar Marta und Ugo. | Bild: Anna Germek

Wenn Fremde zu Freunden werden

Ugo war Student und mit einem Freund in Italien unterwegs, als er das erste Mal CouchSurfing nutzte. Bei Einheimischen zu übernachten, bot die Möglichkeit, günstig zu reisen. Als er später nach Stuttgart zog, hatte er noch keine Wohnung. „Mit der jungen Frau, bei der ich deshalb durch CouchSurfing übernachtet habe, sind wir heute noch in Kontakt. Sie war sogar bei unserer Hochzeit”, erzählt Ugo. Seine erste WG und die ersten Kontakte in der Landeshauptstadt haben sich auch durch Couchsurfing ergeben. Das will er anderen heute auch ermöglichen, indem er Surfern nun selbst eine Couch zu Verfügung stellt. Es gibt also viele Gründe, diese Erfahrung machen zu wollen.

Reisende aus China, Thailand, Hongkong, England, aber auch aus Deutschland fanden den Weg zu ihnen nach Stuttgart. So multikulti wie ihre Gäste ist auch die Beziehung der beiden. Ugo ist Franzose und Marta stammt aus Polen, wo sich die beiden kennengelernt haben. Immer wieder sind französische und polnische Wortfetzen zu hören. Jeden Sonntag wechseln sie die Sprache, auf der sie sich unterhalten.

Bevor jemand zum Übernachten kommt, räumen die beiden ein bisschen auf, putzen und Marta kauft einige Lebensmittel ein: „Unsere Gäste dürfen hier auch mal kochen oder sich etwas zu essen nehmen”, sagt sie. Am Abend sitzen sie gerne bei einem Bier mit ihren Gästen auf der Terrasse zusammen, um sich näher kennenzulernen. Der kulturelle Austausch liegt ihnen wirklich am Herzen. Deshalb lehnt Ugo auch verhältnismäßig viele Anfragen ab, denn sie wollen niemanden aufnehmen und dann keine Zeit für ihre Besucher haben. Marta denkt, dass man dadurch Gutes tun kann: „Ich glaube an Karma. Wir haben schon so viel von anderen bekommen und jetzt haben wir Platz. Also warum nicht?”

Die Schattenseite der kostenlosen Übernachtung

CouchSurfing begann als Gastfreundschaftsnetzwerk oder wie die vier Gründer es nennen: „Meet friends you haven’t met yet.” Es entstand ein regelrechter Hype, das Konzept wurde als Gegenbewegung zur geldgetriebenen Tourismus-Branche gesehen. Doch das einstige Ziel, seine Wohnung, die Kultur und den Alltag zu teilen, steht nun nicht mehr im Vordergrund: Seit 2011 ist der ehemals gemeinnützige Verein ein kommerzielles Unternehmen. Deshalb wurden kritische Stimmen lauter, Nutzer bemängeln unter anderem den unzureichenden Datenschutz. Zudem existiert kein ausgearbeitetes Sicherheitskonzept. Die einzige Basis für einen gelungenen Aufenthalt ist Vertrauen. CouchSurfing gibt nur Tipps für einen sicheren Besuch.

„If a person, situation or profile seems unsafe for any reason, move on. Don’t worry about seeming rude.” – CouchSurfing

Neben diesen Hinweisen präsentiert das Unternehmen folgenden Lösungsansatz: Für 18 Euro im Jahr können Nutzer ihr Profil verifizieren lassen und somit verdeutlichen, dass hinter dem Account eine reale Person steckt. Durch diese versteckten Gebühren scheint aber die Gratiskultur verloren zu gehen. Das zusätzliche Versprechen, dass man durch das blaue Häkchen schneller eine Unterkunft findet, ist nicht erwiesen. Des Weiteren ist fraglich, ob den Nutzern der soziale und kulturelle Austausch wirklich so wichtig ist, wie CouchSurfing es in seinen Werten definiert. Schließlich stellt das Konzept eine billige – ja sogar kostenlose – Übernachtungsmöglichkeit dar.

Als Alternative zu CouchSurfing gelten die deutlich kleineren Netzwerke BeWelcome, Global Freeloaders und Hospitality Club. Fahrrad-Freunde finden über Warm Showers Gleichgesinnte und ein Dach über dem Kopf.

Keine bösen Überraschungen

Marta und Ugo selbst haben nie schlechte Erfahrungen gemacht, sei es als Gast oder Gastgeber. Das liegt daran, dass sie sich gut vorbereiten, bevor sie jemanden zu sich einladen. Ugo liest das Profil genau durch, stellt Fragen und erklärt, wie das Paar sich den Besuch vorstellt. „Am Anfang ist also auch schon klar: Wir sind kein Hotel”, sagt Ugo.

Auf Reisen nach Asien und in die USA hat das Ehepaar aber Kurioses erlebt. In Japan schliefen sie bei einem Studenten auf dem Boden, der irgendwann am Schreibtisch einnickte, weil er zu lange gearbeitet hatte. In europäischen Ländern hingegen ähneln sich Werte, Vorstellungen und Denken, weshalb hier Kulturen seltener kollidieren.

Dass Reisende in Europa so zwanglos von Couch zu Couch surfen können, ist nur möglich, weil es innerhalb der EU keine Grenzen zu überwinden gibt. Ohne vorher ein Visum beantragen zu müssen, kann man so auf unkomplizierte Weise verschiedene Kulturen entdecken. Durch Couchsurfing spart man sich zusätzlich hohe Kosten für das Dach über dem Kopf. Und so können die Surfer nicht nur das Land, sondern auch Menschen wie Marta und Ugo kennenlernen und Freundschaften schließen.