Wenn die Sehkraft schwindet. Stuttgart im Tunnelblick | Bild: Sheilia Wagner

edit.Puls Handicap
Blind mit 18 - So meistert Anni ihren Tag

Wenn die Sehkraft schwindet. Stuttgart im Tunnelblick | Bild: Sheilia Wagner

08 Dec 2017

Egal ob Shoppen auf der Königstraße, ein Spaziergang durch den Rosensteinpark, schwäbisches Essen oder das ein oder andere Bierchen im Studentenviertel. Stuttgart ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Für Anni ist es eine Stadt ohne Bilder. Denn: Sie kann nicht sehen. 

Der Wecker klingelt und Anni greift nach ihrem Handy. Ihr Tag beginnt, wie bei jedem anderen auch. „Viel zu früh zum Aufstehen“, findet sie. Sie tastet sich Richtung Bad – dort weiß sie genau, wo ihre Zahnbürste und die Seife stehen. Den Blindenstock braucht sie dafür nicht. Sie kann sich ihre Umgebung wahnsinnig gut einprägen. Deshalb ist es für sie auch kein Problem, morgens alleine zur Arbeit zu laufen.

Im gesamten Stadtkreis Stuttgart leben rund 2600 Menschen, die blind oder hochgradig sehbehindert sind. Die nicht heilbaren Erkrankungen sind oft angeboren und entstehen aufgrund von Schäden im Bereich des Sehnervs, der Netzhaut, der Linse oder der Hornhaut.

Stefanie Krug, Pressesprecherin Nikolauspflege Stuttgart

Anni ist 25 Jahre alt und arbeitet als Physiotherapeutin. Wir begleiten Sie auf einer Tour, bei der wir Stuttgart aus ihrer Perspektive erleben wollen.

Sie ist eine Frau, die sich nicht davon beirren lässt, dass sie seit ihrem 18. Lebensjahr blind ist. „Es ist ganz schleichend passiert“, erzählt sie uns auf dem Weg in die Innenstadt. „In der zweiten Klasse ging es los. Im Laufe der Jahre ist meine Sehkraft immer schlechter geworden. Mit 18 war dann gar nichts mehr da.“ Ihre Krankheit nennt sich Morbus Coats.

Morbus Coats:

Der Auslöser für Annis Erkrankung ist ein erblich bedingter Gendefekt. Die Blutgefäße der Netzhaut (Retina) sind erweitert und durchlässig.

Blut und Augenflüssigkeit dringt durch und Schwellungen entstehen. Diese lösen dann die Netzhaut ab.

Anni ist eine starke Frau, die gelernt hat, mit ihrer Krankheit zu leben und das Beste daraus zu machen. Unterstützung bekommt sie von ihren Freunden und ihrer Familie. „Manchmal nervt es mich aber, dass ich Leute um Hilfe bitten muss.“ Das erzählt sie uns bei einem Cocos-Mojito im Besitos am Rotebühlplatz. „Dann denke ich, ich falle ihnen zur Last.“ 

Ein paar Hilfsmittel benutzt Anni schon. Ihren einklappbaren Blindenstock hat sie eigentlich immer dabei – da passiert es auch mal, dass sie ihn im Bus oder bei Freunden liegen lässt. Für solche Fälle hat sie zuhause Ersatz. „Technisch ist heutzutage aber auch einiges möglich“, verrät uns Anni auf der Königsstraße. „Ich benutze zwei Apps: TapTapSee und BeMyEyes.“ Mit TapTapSee bekommt sie innerhalb weniger Sekunden eine Erklärung der von ihr fotografierten Objekte – mehr oder weniger präzise. Mit Be My Eyes kann Anni einen dort registrierten User per Videochat erreichen und erhält dann persönliche Beschreibungen von Dingen oder Orten.

„Beim Feiern kann es schon mal vorkommen, dass ich mich versehentlich bei einem Fremden einhake. Ich kann darüber lachen.“ – Anni

Anni lässt sich in nichts einschränken. Am Wochenende feiert sie gerne mal in der Boa und trinkt auch das ein oder andere Bierchen. „Ich übertreibe es nie beim Feiern – aber das würde ich auch nicht tun, wenn ich sehen könnte. Das hat damit nichts zu tun.“

Blöde Bemerkungen muss Anni auch manchmal einstecken. Doch das kommt eher selten vor. „Einmal habe ich gehört, wie jemand etwas sehr krasses gesagt hat“, erinnert sie sich.

„Wenn ich blind wäre, würde ich lieber sterben. – Anonym

Anni versucht, sich so etwas nicht zu Herzen zu nehmen. „So etwas geht gar nicht! Da sieht man mal, wie eingeschränkt manche Menschen in ihrer Denkweise sein können.“

Vor uns sitzt eine junge Frau mit womöglich mehr Lebensfreude, als manch anderer. In all den Jahren hat sie gelernt, mit ihrer Erkrankung und den damit verbundenen Höhen und Tiefen zurechtzukommen. Stuttgart ist für sie keine Stadt ohne Bilder, sondern ein Ort voller Assoziationen, Erinnerungen und Vertrautheit.

Später laufen wir gemeinsam zur S-Bahn – welche wir nehmen müssen, sagt uns Anni. Denn: Sie kennt sich als Blinde weit besser aus, als wir.

Anni findet sich am Hauptbahnhof auch alleine zurecht. Ihr Blindenstock hilft ihr dabei.

Heilungschancen

Bei vielen Erkrankungen, auch wenn sie erblich bedingt sind, gilt: Je früher man eine Beeinträchtigung bemerkt, desto besser stehen die Behandlungs- und Heilungschancen. Manchmal, so wie in Annis Fall, kann auch nur das Fortschreiten verzögert werden.

Laserbehandlungen der Netzhaut oder Augenoperationen sind oft erfolgreiche Behandlungsmaßnahmen. Beim Grauen Star beispielsweise reicht aber auch der Ersatz einer künstlichen Linse.

Grehn, Franz (2012): Augenheilkunde, Heidelberg: Springer-Verlag